töricht Beginnen. Ich drücke die Augen zu, und – sie ist vor mir mit ihrem süssen Lächeln, sie schlägt sie auf, diese grossen blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein grosses, schönes Mädchen geworden, und das Bild dort, welches, dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn 'du so sinnend davor stehst und so süsstraurig lächelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem haus und auf der Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und träumst; wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem rücken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen – du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik, Elise! Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoss sinken, das Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische stimme klingt dann von drüben herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? – Einen Augenblick; sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?
Die stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von dunkeln Locken umwallt, erscheint in Nr. zwölf am Fenster; es ist der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt ein "denkender" Künstler und, wie man munkelt, oft genug der "Taugenichts des Ateliers" beim Meister Frei in der Rosenstrasse.
"Kusine, Kusine Elise! Onkel Wachholder!" ruft er. "Die Mama ist ausser sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestossen und – Unordnung über Unordnung – nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fussboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiterzuarbeiten! Wie wär's mit einem Spaziergang?"
Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug Ähnliches von drüben herüberrief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen wie alles in der Welt. – Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.
"Da ist der Verbrecher", lacht er. "Sieh, Lieschen, wie unschuldig er aussieht, grade wie du, die doch auch um kein Haarbreit besser ist als er."
"Was? – Was hab ich denn verbrochen?" fragt Elise.
"Höre nicht auf den bösen Menschen", sagt die Tante Helene, die jetzt in der Tür erscheint.
"So; – das ist ja prächtig, Mama! Höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist himmlisch! Onkel Wachholder, das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als dass man sie auf der Treppe abmachen könnte."
Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz, und Gustav beginnt:
"hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiss, den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich hätte das Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde mir jetzt von grossem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glücklich vorbeigesegelt. Als mich Tomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stiess und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem grossartigen Frühstück zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreissigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um, die Ecke, die auf den Gemüsemarkt führt, und – renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin, die mir entgegenkommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt..."
"O dieser Lügner!" fällt hier Elise ein. "Wer hat dir den Weg versperrt? Hast du mich nicht angehalten? Hast du mir nicht meinen Korb weggenommen? Du..."
"... die mir also den Weg versperrt und..."
"Verleumder! – Hast du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die grösste Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit deinem Messer..."
"... die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: .Sieh, das ist prächtig. Gustav; jetzt sollst du wider deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein; hier, nimm meinen Korb! – ' Kannst du das leugnen, Liese?"
"Onkel,