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und lauscht den schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne einer Geige bis hier herauf. – Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst:

"Sie muss sich beeilen!"

Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt schwer und schwerer auf das kleine unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis entüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.

Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf zehn. Der Wind macht sich plötzlich auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer unheimlicher und düsterer.

Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Teater die grosse, berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die Königin, das Publikum haben sich erhobender schwere, goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen gestiegen; die grosse Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte Opernhaus, unddie arme Choristin ist halb bewusstlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreissenden Schrei: "Mein Kind, mein Kind!" fortzustürzen. – Wir in dem kleinen Dachstübchen haben das nicht gesehen, nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am andern Ende der grossen Stadt geschehe.

Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.

"Die Mutter", sagt der Doktor aufstehend. "Es war Zeit!"

Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie lässt den regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen, wie wir es in "Satanella" sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.

"Mein Kind! Mein Kind!" flüstert sie, in grässlicher Angst den Doktor ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! – Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.

"Mama, liebe Mama!" stöhnt das sterbende Kind, mit den kleinen fieberheissen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, dass die Steine darin blitzen und funkeln. – – Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper – –

"vorüber!" – sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.

Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen, bewusstlosen Mutter.

Am 7. März

Gestern nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über der grossen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden schwerfällig dem Süden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Strassen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner bessern Hälfte, die nun ihre Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: "Puh! Hab ich mich abgequält, aber gottlob, nun ist's auch mal wieder rein!"

Ja, rein ist's! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war; viel missmutige, verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt, unddie kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Grossmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküsst, als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas, lange das Haupt geschüttelt. Wer weiss, wieviel jüngere Leben sie noch dahinschwinden sieht!

Ich habe diese Blätter, glaube ich, einmal ein Traumbuch genanntwahrlich, sie sind es auch.

Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz bedeckt von Leben und jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der jubel verhallt, es ist tote Nacht allentalben, die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! – Ich brauche nur in meine alte Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.

Elise!

Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloss, entfaltet sich wie ein süsses, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuss der Sonne, und die Zentifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.

Ich glaube an keine Offenbarung als an die, welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott "von Angesicht zu Angesicht". Die Zunge ist schwach und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen ist ein arm