1854_Raabe_153_42.txt

Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mirsie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt, sie fürchteten sich gewaltig vor ihm –, noch guckt das kleine Lieschen, auf einem Stuhl stehend, mir über die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glück dem Kühnen lächelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnässt, bei mir angekommen.

"Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden", sagte er lächelnd, indem er mir die Nadel einfädelte, mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte. "Seit der Doktor den bösen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen, fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, 'das jüngste Wurm', wie der Doktor sagt! – Und diese Nachkommenschaft des edlen Rezensent! – Für jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer schwärzer und schnurrbärtiger als der andere. Wie heissen sie doch? Richtig: Stulpnas (gewöhnlich Stulp abgekürzt), Dinte und Quirl. Es ist ein Schauspiel für Götter, die Familie spazierengehen zu sehen. Voran schreitet der Doktor mit dem alten Grossvater Pümpel, dann folgen Dinte und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das 'Kroop' Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu:

'Wimmer, du wirst gleich dein Taschentuch verlieren!'

Oder:

'Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!'

Oder:

'Wimmer, Stulp hat nur noch deinen Stock!'

Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um, wirft einen Feldherrnblick über den langsam daherziehenden Heereszug, pustet und fächelt, knöpft die Weste auf, bindet das Halstuch ab oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt:

'Schatz, das Spazierengehen müssen wir aufstekken. Beim Zeus, es wird zu angreifend für unsereinen! – Stulp, Schlingel, hol meinen Hutdort, allons!'

Während nun der Zug so lange hält, bis Stulp mit dem Verlorenen zurückkommt, sagt der Alte wohl:

'Heinerich, pass auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!'

'Weshalb nicht, Papa?'

'Wir sind hierzulande nicht recht dran gewöhnt!' lautet die Antwort.

'Das weiss ich schon aus den Nibelungen und dem Parzival', sagt der Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. 'Es soll aber schon gehen, Onkel und Schwiegerpapa Pümpel! Das Ungewohnte und Ungewöhnliche macht am meisten Glück. Fritzl, lass den Frosch in Ruhe, setz ihn wieder ins Gras, sonst kriegst du ihn gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! – Vorwärts! Yankee doodle doodle dandy!' Damit setzt sich das Haus Pümpel & Komp. wieder in Marsch."

Ich lachte herzlich über diese Schilderung. "Es wachse, blühe und grüne das Haus Pümpel & Kompanie wiewie – –"

"Hopfen! – Vivat hoch!" schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten.

Abends 11 Uhr

Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die geschichte der armen Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiten, nicht erzählen, aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen; aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des Buches Welt und Leben eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen, will es anders als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkelwie der Tod!

"Herr Wachholder", sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an meiner Tür klopfte. "Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat's gesagt. Ist's nicht schrecklich, dass die Mutter in diesem Augenblick tanzen muss? Sie haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wäre heute der Geburtstag der Königin, sie müsse tanzen!"

arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du, bist die Verführung kam Glück nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes, und jetzt nimmt dir der Tod auch das!

arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und den Tod im Herzen zu tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen, sterbenden Wesens in der fernen Dachstube übertönt alles. – Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu der wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen; hier und da liegt auf den Stühlen phantastischer Putz, eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust