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Schrecken und Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Sätzen die Treppe hinauf war.

Eine kleine, runde... (Au, mein Ohr! Hör einmal, Nannette, das ist das Ohr, in welches es bei mir 'hineingeht', was wird das für eine Ehe abgehen, wenn du mir das abkneifst! Nannette, ich würde in deiner Stelle mal das andere, zu welchem es 'herausgeht', nehmen!) Dame trat mir entgegen:

'Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr!' – – – Ich antwortete nicht, sondern nahm ihr das Licht aus der Handdie kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar sehrund hielt es so, dass mir der Schein voll ins Gesicht fiel.

'Herr Gott, der Vetter Heinrich!' rief die kleine, rrr... Dame. (Nannette, sag mal, ich glaube, ich habe dir in dem Augenblick einen Kuss gegeben?)

'O welch abscheulicher Bart – – und eine Brille trägt er auch! Waberl, Waberl, schnell nach dem Bräuhaus: der Vetter Wimmer sei da!'

Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er umarmte den Landläufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock: er wollte – – ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich als ein vernünftiger Köter Freundschaft mit dem dicken Pümpelschen Kater Hinz.

Und danndann ward ich Redakteur der 'Knospen', unter der Bedingung, den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von deinem Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel, in den deutschen Buchhandel 'eingeschossen', und dann –– Nun, Nannette, und dann? – – – – – – – – – – – – – Meine Herren und Freunde, was hab ich Ihnen, da geschrieben! – So geht's, wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine Unmöglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und Briefschreibekunst abgefassten Berichts schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer. 's ist göttlich!

Nunwas tut's? Die Hauptmomente meiner geschichte habt Ihr doch bei der gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und wer hat diese vita nuova bewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen undmeine kleine Beatrice, genannt Nannette Pümpel! Gesegnet sei das Haus Pümpel & Komp. bis ins tausendste Glied!! –

Ich schliesse. Meine gentilissima verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen. Mich soll's wundern, was sie schreiben wird; ihre Augen leuchten gar arglistig.

Dr. Wimmer

Liebe, kleine Elise!

Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der böse Mensch hat nicht viel Raum übergelassen. So ganz böse freilich ist er doch nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schönes von Dir erzählt, aber sage doch den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, dass sie das törichte Zeuch, was er alles geschrieben hat, halt nicht alles glauben. Ich hab ihn durchaus nicht soviel ins Ohr gekneift, als er sagt. – liebes Kind, Ihr müsst uns einmal alle besuchen. Ich habe zwei Kanarienvögel und einen Stieglitz, der sich sein Futter selbst heraufzieht. Ich hätte Dir gern eins von den Vögelchen geschickt, aber der Onkel Doktor meint, sie könnten das Fahren nicht vertragen, das könnte selbst sein hässlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, dass das schwarze Tier sich so vor meinem schönen bunten Hinz fürchtet; sie beissen sich zwar halt nicht, aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. liebes Kind, besuche uns einmal und grüsse den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schön!

Deine unbekannte Freundin

Nannette P.

P. Scr. Verehrtester, überreichen Sie doch meiner dikken Freundin, der Madam Pimpernell, beifolgende drei Fünftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender Schuldenrest sein.

Dr. W.

P. Scr. Ich muss in die Küche, sonst hätte ich mich eben noch recht über den Doktor zu beklagen. Er ist recht böse. Gestern hat er sein Dintenfass über meine beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! – Aber das ist das wenigste. – 's ist nur gut, dass ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen müssen nun noch einmal so bald gewaschen werden. Adieu!

Nannette

P. Scr. Der Onkel Pümpel hat sich's in den Kopf gesetzt, dem armen 'Puhdel', wie Nann'l schreibtauf seine alten Tage noch das 'Totstellen' beizubringen.

Dr. W.

P. Scr. Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehlso wird's wohl recht geschrieben sein.) Gott, ich muss wirklich in die Küchen!

N.

P. Scr. Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glücklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gruss und Brüderschaft!

Euer

H. Wimmer" Welchen jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahr 1841, als er ankam, der Lehrer