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, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!! P. Scr. Bring Deine Korbtasche mit!" "Was mag er nur wollen?" fragt Lieschen, die schon nach dem Nagel guckt, an welchem ihre tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prächtig: weil ich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen mussso komme so bald als möglich! Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut weiss, was der Faulpelz will!

"Was für einen Tag haben wir heute, Lieschen?"

"AhSonnabend!" ruft Elise. "Jetzt weiss ich's! Er hat sein Taschengeld gekriegt."

"Welches eigentlich die alte Marta konfiszieren müsste. Höre, Lieschen; schreibe ihm als Bedingung Deines Kommens vor, dass die 'scheussliche' Arbeit fertig sein müsse."

"Wie lange dauert das wohl, Onkel?" fragt die Liese ganz bedenklich; sie zöge das "So bald als möglich" unbedingt vor.

"Nunzwei Stunden; mindestens!"

"Oh, oh, zwei Stunden?!"

"Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als der andere."

"Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit sässe, desto mehr Böcke mache er."

"Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertigmachen und mit herüberbringen. schreibe ihm das!"

Elise stellt jetzt eine grosse Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr über "unsere" schlechte Dinte, während Flämmchen, auf einer Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert, sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Dintenfass zu schauen, um den Grund der Zögerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt: "Lieber Gustav! Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Marta hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertigmachen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine tasche bringe ich mit!

Elise"

Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängtdie Praxis hat es gelehrig gemacht; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen, als wolle es sagen: nun ist's aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, undverschwunden ist's. Elise sitzt wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bücher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertönt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.

"Da ist er schon!" ruft sie halb zurück mir zu.

"Komm herauf, Gustav!" ruft sie hinunter.

"Dieses weniger!" erschallt unten die Schülerredensart, und mich wundert wirklich, dass der Bengel diesmal nicht die noch dazugehörende weise Benachrichtigung damit Verbindet; aber mein Bruder bläst die Flöte.

"Hast du dein Exer?" (scilicet zitium) ruft Elise.

"Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, du kannst es ihm hinaufbringen."

Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. herunter ist sie wie der Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hüte mich aber wohl, etwas von meiner werten Persönlichkeit sehen zu lassen.

"Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav!" sagt Elise, und ich stelle mir oben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk einhändigt.

Mit Geduld und Spucke

Fängt man jede Mucke!

lautet die Antwort: "Hier, nimm dich in acht, es ist noch nass; und höre, Lieschenkomm schnell wieder herunter, eh er hineingekuckt hat: er könnte mich noch zurückrufen!"

"Taugenichts! Das mag was Schönes sein!" moralisiert Elise, die ich nun die Treppe heraufkommen höre.

"Da ist's, Onkel!" ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür, wirft das edle Manuskript auf den nächsten Stuhl, schlägt die Tür zu undin drei Sätzen ist sie die Treppe hinunter.

"Liese, Lieschen, Elise!" rufe ich, aber wer nicht hört, ist fräulein Elise Johanne Ralff.

"Komm schnell, er ruft schon!" sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke!

Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: "Gustav Berg" und drunter die geniale Übersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Dinte oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer geschrieben hat. – Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! Ita uno tempore quatuor locibus (Schlingel!) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister müsste ich ausrufen: "Was soll aus dem Jungen werden?" Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an dasLöschblatt und rufe aus: "Was kann aus dem Jungen werden!" – Hier "an vier Orten" schlagen