, wieder aufzuritzen.
"Sieh, welch ein schöner Ring!" sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei uns sass, jenen Reif zeigend, den vor langen, langen Jahren der alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener wald der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen hatte, der so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte und der, das Wappen des Grafen von Seeburg trug! – Ich habe nicht nötig aufzuschreiben, was folgte! – – – – Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend liess die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav – Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrüsste jubelnd seine Kusine auf seine Weise.
Nachdem er lange unstet sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward die Mutter Helenens und starb, sie gebärend, im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt durch ein Vermittelndes, das Dämonische: da schwebten, "damit das Ganze in sich selbst verbunden sei", Geister "viel und vielerlei" auf und nieder, strafende und lohnende Boten der Gotteit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister Verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruss hiessen sie, und auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf über die Alpen nach Deutschland. Das Schloss Seeburg war verkauft – er kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen kleinen haus wohnte. Oft hörte ihn seine Tochter auf und ab gehen in der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen, während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben, wie ihn Helene nur gekannt hatte – einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges Mädchen in einer grossen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie kannte. Es fand sich, dass die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte, die während seines Aufentalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.
Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der einzige, der, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgültig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glückliche Gattin, bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen Verhältnisse – auch seine Mutter war gestorben – den Doktor Berg, Wien zu verlassen; er zog hierher und bemühte sich, eine Praxis zu gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn wegraffte; er liess seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück. Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.
Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, die den Rubin umwand, vor ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und warf ihn weitin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Geländer, und schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu – unsern Kindern. War's nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten, fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug?
"Schau mal nach, Liese, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse. Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte Marta draussen noch brummen höre, steckt."
Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft: "Liese! Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheusslich!), 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich will einer werden, Latein braucht?????), so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Marta festgebunden habe, und so bald als möglich vor die Tür zu kommen. – Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.
Gustav
P. Scr. Ich passe auf