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"Ich auch!" rief der Meister. "Ich auch!" sagte ich. "In dem Wissen liegt die Zukunft – Gott segne das Vaterland!" Und dann – – – kam die Meisterin mit den Kartoffeln.
Am 10. Februar
Und wieder überschreibe ich ein Blatt der Chronik:
Elise
Wir haben gejubelt und gelacht, auch wohl geweint über kleine Schmerzen und verunglückte Freuden! – Wie die Jahre kommen und gehen! Laube gebildet: rote und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmückende Hand zwischen das Blätterwerk gehängt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der stube hin und her, von meinen Büchern und Schreibereien auf eine hübsche runde Schulter im Fenster oder auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. – Elise ist nun dreizehn Jahr alt auf den Blättern dieser Chronik. Oft, wenn ein lustiger Sonnenstrahl über das Blätterwerk schiesst, zwitschert wohl Flämmchen – so heisst der neue kleine Freund – fröhlich auf, hüpft aus seinem Bauer, dreht das Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glänzt es, hin und her schiessend, wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. zwölf. Von dort ward es herübergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer.
Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in diese Blätter.
Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Sünde der Väter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!
Eine helle, frische stimme erschallt unten im haus; ein leichter Schritt kommt die Treppe herauf – Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt plötzlich draussen ein Gepolter, Martas stimme lässt sich hören, klagend und ärgerlich. Da ist er – der Taugenichts der Gasse!
Die Tür wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes, kerngesundes, mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.
"Nun, Gustav, was gibt's wieder?"
"O gar nichts!" sagt das mauvais sujet, den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend, während Marta jetzt kläglich draussen nach Elisen ruft. "Was mag er nur angefangen haben?" sagt diese aufspringend und hinausgehend. Ein helles, herzliches Gelächter, in welches ich sie draussen ausbrechen höre, zwingt auch mich, von meinen Büchern aufzustehen, während Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die möglich ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!
Die gute Alte hat höchstwahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist, das Strickzeug im Schoss, eingeschlafen. Diesen günstigen Augenblick zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorsätzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen können.
Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem stuhl; Handtücher, Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mögliche Bindematerial ist benutzt, sie unvermögend zu machen, sich zu rühren. Vor ihr auf einem noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen steht ein grosser Napf Milch, der höchstwahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlürfend und schmatzend – die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit einen höhnenden blick nach dem Lehnstuhl werfend, wo die gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht in wahrhaft tantalischen Qualen.
"Lieschen – so jag sie doch weg –" (Elise hat vor lachen die Kraft gar nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) "o der Schlingel – aber, Herr Wachholder, jagen Sie sie doch weg – es bleibt ja nichts übrig – o meine schöne Milch – der Bösewicht!" Ja, der Bösewicht – wo war er, als diese Tragikomödie zu Ende gekommen war und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav – nirgends eine Spur! Wer ist dieser Gustav? Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese Blätter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.
Es war im Jahr 1842, als in die wohnung drüben in Nr. zwölf, in deren Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte, eine schöne, schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser Leben und durch die Blätter dieser Chronik geglitten ist mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, als wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhofe begruben zu den Fussen der Gräber von Franz und Marie. Sie küsste damals die kleine Elise, aber wir kannten einander nicht. – "Georg Berg" stand auf dem Grabstein, an welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der ärmlichen wohnung drüben in Nr. zwölf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der unheilvollen, wilden geschichte, die einst der sterbende Jäger dem Maler Franz Ralff erzählte. – Ist das Lied vorbei? Eine junge, fröhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und "Gustav und Elise Berg" wird die neue Melodie lauten!
Wie die Letzte aus dem stolzen haus der Grafen Seeburg das Zusammenhängen ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite erfuhr? – Ihre geschichte?
Ich fürchte mich fast, die Decke, die über soviel kaum vergessenem und begrabenem Unheil liegt