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mein Vater und mein Mutter.' Mein Alter aber sass am Bett und rechnete an den Fingern: 'Eins, zwei, vieracht. Acht Jahr, Gevatter Franzos! Warum habt Ihr dunnemalen meine zwölf nicht genommen?'

Die Briefe von unserm Willem kamen nun immer seltener, und auf einmal blieben sie ganz aus, und eines Tages kommt mein Alter nach Haus, setzet sich an den Tisch, legt den Kopf auf beide arme und weint. – Ich dachte, der Himmel fiele über mich – – – der und weinen!

'Der andere!' stöhnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht zu Boden.

Da vor der grossen Franzosenstadt Paris muss ein Berg seinich kann den Namen nicht ordentlich aussprechen –, von wo man die Stadt ganz übersehen kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist auch dem Willem eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der Kamerad schrieb, und ist er da begraben mit vielen, vielen andern aus Deutschland. – Das ist meine geschichte! Den Franzosen aber kurierten wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig und brachte ihn an das Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine Jungen gezogen waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd: 'Nit raus, nit raus!' – Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein wunderlicher, dein Vater, Annchen."

So erzählte die alte Margarete Karsten, und wir alle sassen um sie herum, als sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Der Meister hatte längst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die nach und nach eingetreten und gewöhnlich ziemlich fröhlich und laut waren, standen und sassen diesmal ganz still umher.

"Nun will ich noch was erzählen!" rief plötzlich die Alte, deren Augen durch die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz leuchteten. "Ich will was erzählen, was lange nachher geschah und doch mit dazu gehört! – Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wären, könntet ihr den Turm der neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde, nachdem die alte abgebrannt ist. In der alten war's, wo eine Tafel an der Wand hing, wo die Namen aller der drauf standen, welche in dem Franzosenkriege aus unserm Viertel gefallen waren und worunter auch meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm Johannes Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchstuhl grade gegenüber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich auch, wenn ich auch genug darüber geweint hatte und noch weinte. Aber es blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, .da schlich er an der Tafel vorbei, ohne aufzukucken, und wenn wir an unserm platz sassen und sein blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg oder auf den Boden oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.

Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter über der Stadt; es donnerte und blitzte unbändig, und auf einmal hiess es: in der Sophienkirche hat's eingeschlagen! – Richtigda brannte sie lichterloh. Mein Alter, der sonst bei so was immer vorn dran war, rührte diesmal nicht Hand, nicht Fuss, und es hätte auch nichts geholfen. Er hatte mich unterm Arm, und wir standen in der Menschenmenge und sahen zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel war, hin und her und stürzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach, dass Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach haus. Als wir in unserer stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis er plötzlich vor mir stehenblieb und sagte:

'Mutter, gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnte sie nicht mehr ansehen! – Gute Nacht, Mutter!' – Ich verstand ihn gar nicht und fragte, was das bedeuten solle, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und ging zu Bett. Und das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, Kinder! – Komm, Annechen!" – Damit erhob sich die alte Frau und ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter gestützt, hinaus ihrer kleinen kammer zu, um von ihrem alten Gottfried mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen Freiheitskämpfern weiterzuträumen. Der Karikaturenzeichner machte heute abend keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife. Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rühren; es war, als müsse nun gleich die Tür sich öffnen und der alte gewaltige Mann hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grünen Jäger an seiner Seite, von denen der eine an der Oder und der andere dicht vor Paris begraben liegt auf dem Montmartre.

"Ich weiss, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen konntet" rief plötzlich eine klangvolle Mannsstimme, dass alle fast erschrocken aufsahen. Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem Winkel hoch aufgerichtet hatte.

"Ich auch!" rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem gefährten die Hand auf die Schulter legend.

"Ich auch!" rief Strobel aufspringend. "Wieviel Wissende noch