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den Pudel zu holen.

Heute freilich treffe ich die kleine Liese nicht auf der Fussbank am Lehnstuhl sitzend, auch die alte Marta kommt nicht mehr herunter, uns beide abzuholen; aber einen anderen treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes, und dieser andere ist kein Geringerer als unser Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt bei Meister und Gesellen, in der Küche bei der Hausmutter, überall ist der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen porträtiert er für ihre respektiven Schätze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt er neue Gerichte fabrizierener hat unter seiner Bibliotek ein dickes Kochbuch –, und der Grossmutterhört er zu.

So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze Familie in der stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine Gesprächselemente beieinander und plätscherte mit Wonne darin herum.

"... Also Meister", sagte er, als ich eintrat, "Wer, meinen Sie, kriegt dabei die Prügel?"

"Der Russe nicht!" antwortete nach einer kleinen Pause bedächtig der Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht hielt, um besser zu sehen.

"Also die Alliierten?"

Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch das unwahrscheinlich. Plötzlich aber besinnt er sich.

"Donnerwetter, da sind ja jetzt auch die Franzosen bei!" ruft er. "Himmel! Das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!"

"Richtig, Meister", sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die Schulter klopfend. "Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu Zeit um."

"Meisterin, die Kartoffeln brennen an!" unterbricht Anton, der Lehrjunge, die Politik.

"Wir kommen gleich!" ruft Strobel lachend. – "Ich gehe auch mit, Meisterin, und die Kinder auch! Vorwärts! En avant! On wit you, boys! Hinaus indie Küche!"

So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich kommen Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurück, und die Alte fragt:

"Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno sechs hier war?"

"Nein", sagt Strobel, "jetzt trägt er rote Hosen."

"Und der Napoleonich meine, der ist lange tot?"

"Ja, Mutter", sagt der Meister, von seiner Zeitung aufsehend, "das ist auch ein anderer."

"Gott", sagt die Grossmutter, "wenn ich noch daran denke, wie das kleine, gelbe, schwarze Volk hier war und in den Strassen kauderwelschte, und eine Sorte hatte in ihren Hüten grosse Kochlöffel stecken, und acht hatten wir hier im Haus."

Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rückt einen Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: "Grossmutter, es ist noch früh, erzählen Sie uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine Zeitung liest, ist gar kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder, rücken Sie her. Burschen, seht, wo ihr Plätze findet, und haltet das Maul, die Grossmutter will von den acht Franzosen in Numero sieben erzählen!"

Die Alte lächelt und bringt ihr Rad wieder in gang: "Solchen gelehrten Herren soll ich erzählen? Die haben ja alles viel besser in Büchern gelesen; von allen achten weiss ich auch nichts."

"Grossmutter, was ich in Büchern gelesen, habe ich gottlob nun bald wieder vergessen", sagt der Zeichner, "und wenn Sie von allen achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden oder mit so viel, als Sie wollen; erzählen Sie nur."

"Nun, wenn Sie's denn wollen, so muss ich mich mal besinnen. – Gut!

Also es war Anno sechs, als der Franzos im land rumorte und drunten schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen grossen Sieg erfochten und glaubte, das Recht dazu zu haben. Die Leute fürchteten sich alle sehr, gruben ihre Löffel weg und näheten ihren Kindern jedem ein Goldstück in den Rocksaum, auf den Fall, dass sie abhanden kämen oder mitgenommen würden. Aber mein Seliger tat gar nicht, als ob ihn das was anginge. – 'Wenn sie kommen, sind sie da' – sagte er, und dabei blieb er, und wenn die Nachbarn kamen und klagten und jammerten, sagte er nur: 'Einmal wir, einmal sie!' Und wenn sie ihm die Ohren zu voll schrien, zog er eine weisse Zipfelmütze, die er zu meiner Verwunderung seit kurzer Zeit immer in der tasche führtedarüber und tat, als ob er einschliefe. Es war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, dein Vater.

Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lärm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab sie selig) in allen Gassen, Gott weiss wo, und nur mein Annchen hatte ich in der Wiege; mein Alter hatte mal wieder die Zipfelmütze hervorgekriegt und übergezogen und sägete im