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Smollis!" ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. "Grüss die Münchener Kusine, die hübsche Nannerl!"

"Fiducit! Soll geschehen!" ruft der Doktor zurück und verschwindet hinter den büsche. Rezensent steht noch am rand, blickt nach uns herüber und stösst ein kurzes Gebell aus.

Jetzt ist auch er verschwunden.

Wir sitzen noch eine Weile still allein.

"Gott gehe dem ehrlichen alten Gesellen Glück!" sagt der Lehrer vor sich hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch hier? Wir nehmen Plätze und steigen ein.

Zurück geht's nun nach der grossen Stadt, die staubige Landstrasse hinunter. Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten Wagen! Wie die Sonne so prächtig untergeht! Ade, du schöner Wald! Ade, du alter Freund Wimmer!

Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntäglich geputzte Menge noch ein- und ausströmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor; den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu fuss machen.

Da sind wir, als es eben dämmerig wird. Sieh, dort steht die alte Marta strickend in der Tür; sie erblickt uns und ruft:

"Guten Abend, guten Abend!"

"Ach, Marta, das war schönundder Onkel Doktor ist fort!" sagt die kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich. Das war ein Sommertag im wald, den ich hier aufzeichne in einer öden kalten Winternacht.

Am 25. Januar

Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau an. Welch ein Künstler der Winter ist! Die Spatzen fährt er gelb und den freien Deutschen macht er ausrufen: Mein Haus ist meine Burg!

Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen Besseres tun, als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die grosse Welt draussen, die allgemeine Gassengeschichte, gehen zu lassen, wie sie will?

Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner, genannt Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend, einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: "Wenn ich auch das Dasein Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es beweisen!" – Die geschichte eines Hauses ist die geschichte seiner Bewohner, die geschichte seiner Bewohner ist die geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die geschichte der zeiten ist die geschichte der Menschheit, und die geschichte der Menschheit ist die Geschnell um und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.

Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weisshaarige, gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter, der Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche, den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem haus und seiner geschichte verwachsen ist durch und durch.

Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat ihre Freundin, meine alte Marta, mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin, und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung.

Einst war sie das schönste Mädchen der Gassewie sie jetzt noch die schönste alte Frau ist –, und als der Hausknopf geschlossen werden sollte und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat, legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu, welches aus fernem Land gekommen war und die Überschrift trug:

"Dieses kleine Briefelein kommt an die

Herzallerliebste in Herz und Liebe."

und schloss: "... meiner Liebsten noch einen Gruss und Kuss, und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinen Schatz, den grüsst und küsst in Gedankensinn sein herzlieber

Gottfried Karsten

Tischlergeselle."

Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen lässt, mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der's schrieb und der nun auch schon so lange tot und begraben ist.

An wie manches Kindbett im haus aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im haus Nr. sieben in der Sperlingsgasse!

Wer weiss soviel Wiegenlieder wie sie? Wer weiss soviel Märchen, die alle anfangen: "Es war einmal" und damit enden dass jemand in ein Fass mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im haus hat zu allen Tageszeiten so viele Kinschnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter an den grossen Lehnstuhl sich drängen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett bin ich selbst sitzen geblieben, den Schluss einer Historie ab wartend, bis endlich auch noch Marta herabkam und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen ausschickte,