's nicht, aber wir müssten einen Umweg machen, da läge ein gross schwarz Tier im Grase, das habe greulich nach ihm geschnappt, als er vorübergeflogen sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte der Schmetterling: er müsse auch den giftigen Wolken ausweichen, die da herumzögen und ihm seine hübschen Flügel ganz schwarz machten. Das war des Onkel Wimmers Zigarrendampf! – Ich war auf einmal so klein geworden, dass mich der schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen rücken nehmen und forttragen konnte zu dem Rosenbusch dort bei der buch. Da war eine gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Königin. Da war der brummige, böse, alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die dicke Madam Klatschrose, die dicht hinter der hübschen Königin stand. 'fräulein Elise', sagte die Königin, 'ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dorten, der den hässlichen Dampf ausbläst?' – 'Nein', sagte ich, 'das ist der Onkel Doktor, den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bücher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht!' – 'So, er schreibt Bücher? Dann will ich ihn mal besuchen!' sagte der kluge Herr Brennessel böse..."
"Alle Wetter", lachte der Doktor hier, halb ärgerlich über Liesens Traum, und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. "Au, Teufel!" schrie er plötzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefasst!
Wir lachten herzlich, und nur Lieschen sagte ganz ernst: "Siehst du, Onkel Wimmer, das war er!" Dann fuhr sie fort:
"Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder, gib mir noch ein Butterbrot!), und jeder erzählte eine hübsche geschichte vom Frühling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wussten sie nichts – da schlafen sie. Dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen, und Herr Brennnessel brummte dann dazwischen. Der war auch der einzige, welcher vom Winter erzählen wollte, es ward aber nicht gelitten. – Auf einmal hörte Herr Roder auf zu lesen, und ich lag wieder bei dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und guckte mich gross an. Das habe ich gesehen! – War das nicht hübsch? Und nun, Herr Roder – lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal – bitte, bitte!"
"Danke schön", sagte lachend der Lehrer. "Der kluge Herr Brennessel hatte ganz recht, und jetzt sehe ich auch ein: meine Geschichten sind gar nicht hübsch."
Wie lange haben wir so geträumt und erzählt und im grünen Gras und weichen Moos gelegen? – Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen Himmel! Muss nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten Eisenbahnstation? – Auf, Liese, winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz! Lasst nichts zurück von euern Sachen! Vorwärts! – Auf engen, schattigen Waldpfaden geht's nun quer durch das Holz, bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der grossen Landstrasse hören und zuletzt den weissen Streif durch die Stämme schimmern sehen. Horch, Geigen- und Hornmusik! Im Weissen Ross mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die Haustür ist mit Laubgewinden geschmückt; Stadtvolk und Landvolk drängt sich allentalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gerät in sein Element. Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen Landdirne oder einer kleinen bleichen Nähterin aus der Stadt; jetzt erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelächter durch einen wohlangebrachten Witz; jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock ausgezogen, glühend, pustend, fächelnd. Und überall, wo der Doktor ist, ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden fahrend, jetzt, ausgewiesen wie sein Herr aus der Stadt, steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.
Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir müssen scheiden!
Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um. Wir alle stehen auf.
"Also musst du wirklich fort, Onkel Wimmer?" fragt Elise weinerlich.
"Jaja, liebes Kind!" sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst. Er hebt die Kleine empor, die sich diesmal nicht sträubt, sondern selbst ihm einen herzhaften Kuss gibt.
"Wirst du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lieschen?"
"Ganz gewiss", schluchzt Lieschen, "und ich will schreiben, und der Pudel – nein, du musst's auch tun!" Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf ihren Stuhl. "Lebt wohl, Wachholder", sagt er, "lebe wohl, Roder, alter Freund!"
Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder zurück: es muss etwas nicht ganz in der Ordnung sein.
"Lebt alle wohl! Ein fröhliches Wiedersehen! Alle! En avant, Rezensent!" schreit der Doktor, über die Gartenhecke und den Chausseegraben springend, und rennt, ohne sich umzusehen dem wald zu. Am rand bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut.
"