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Geschicke der Völker und Könige und übermeine Liebe. Hinten in der Türkei lagen jene einander in den Haaren, und drüben in der kleinen Gartenlaube sass mein Schatz und schmollte. Ah! Lippe-Detmold ist mein Vaterlandwas geht mich die Orientalische Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!

Aber das Frauenzimmer dort?

Beim grossen Pan, damit muss es anders werden!

Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel: goldne Wölkchen, weisse Tauben schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken... Wo sind meine Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere?

Es schwanken die Gräseres regt siches läuft, es kriecht, es klettert, es hüpft, es flattert und fliegttausendbeinig, tausendflügelig! Es zwitschert und summt tausendtönig!

Dichter-Minister, Frühlings-Räte, liebes-Gesandte versammeln sich um mich zu Rat und Tat.

Wohlandie Konferenzen sind eröffnet! Allen Gegenwärtigen und Zukünftigen Gruss! Wen send ich zuerst an jene dort hinter, den Holunderblüten?

Ach! Du dafort mit dir zu ihr hindu mein leichtgeflügelter, magenloser Herold, du, den sie den 'roten Augenspiegel' nennen, zeig ihr auf deinen weissen Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei Herzblutmein Herzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote Liebe! Da flattert der Bote der Laube zu; es zittert mein Herz, mein banges Herz. – (Sieniest!!!) O Dank, Dank, ihr ewigen, guten Götter, Dank für, das Omen! (Erkälte dich nicht, Luise, nimm ein Tuch um, hörst du?)

Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige Bienehin zu ihrsumme ihr ins Ohr Honiggedanken, Hausgedanken, Leinen- und Drellgedanken!

(Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge in der kleinen Laube?)

Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu ihr! Hör, was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist zu Endedie Eintagsfliegen wurden müde, todmüdeder Bach schaukelt ihre armen kleinen Leiber fort, vorüber an den Blumen, über denen sie vor einer Stunde noch tanzten und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz; Luise, die Nacht bricht herein; sieh den rotfinstern Streif im Westen, sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtethorch, wie es grollt!

(Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!

(Sie tritt heraus!)

Luise, Luise!

Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie: Ave Luisa! Der Abendwind flüstert ihr zu: Ave Luisa! Die Blumen des Tages neigen sich ihr: Ave Luisa! Die Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche ihrAve Luisa! Ave Luisa! (Sie winkt... sie lächelt...)

Friede!

Friede!

Friede! Läutet die Glocken im Reich!!! Erleuchtet die grossen Städte, die Dörfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen, Kirchen und Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Männer, Weiber, Greise, Kinder. Jünglinge und Jungfrauen!

Herr Gott! Dich loben wir!

Herr Gott! Wir danken dir!

Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Ich kannte diese "Luise" des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht später den Lehrer Roder geheiratet? Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt?

Seid gegrüsst, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mögt!

"Ei, das war schön!" sagte Lieschen erwachend und das Köpfchen aufrichtend. Sie dachte an ihren Traum im Grünen, nicht an des Lehrers Phantasiendie hatte sie richtig verschlafen.

"Was hat dir denn geträumt, Lieschen?" fragte der Doktor, und das Kind blickte ihn verwundert an.

"Hab ich denn geschlafen?" fragte sie.

"Das kann man bei solchem kleinen Mädchen, wie du bist, Liese, niemals recht wissen. Was hat du denn gesehen und gehört? Erzähle mal!" sagte ich.

"Oh, es war wunderschön, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht über das Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge kleiner Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde alles so rot, als brennte der ganze Himmel, dass ich sie schnell wieder aufmachen musste. Ich dachte, ich wäre ganz allein, da kam auf einmal ein wunderschöner gelber Schmetterling mit zwei grossen Augen in den Flügeln, die unten ganz spitz zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit ganz feiner, feiner stimme:

'Ein schönes Kompliment, kleines fräulein, und ob Sie nicht zum Tee kommen wollten zur Waldrosenkönigin?'

Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich hätte gern weiter zugehört und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der Königin sässe ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar nichts von der geschichte, ich solle daher nur dreist mitkommen. Ich fragte den Schmetterling, ob's sehr weit wäre; er meinte: weit wär