: "Allons, meine Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Neste den rücken zu!"
Mit diesen Worten trabte der tolle Gesell auf dem Fusspfad, auf dem er gekommen war, zurück ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; "gaudeamus igitur" tönte des Doktors Bass in das beginnende Konzert der Vögel, unser Sommersonntag im wald hatte begonnen.
Welch ein Tag war das!
Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt – dieses Aufatmen aus voller Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Liese einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden, unsern Ohren aber nicht. Die Kleine lachte – wurde ärgerlich – bat; der Pudel bellte aus Leibeskräften, und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andere.
Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten.
"Das ist ein sonderbarer Menschentypus", sagte Roder lächelnd, als wir langsamer hinterhergingen: "die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz spazierengehen können. – Aber es war so, er lehrte mich Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei, sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen lied zu begleiten:
Mihi est propositum
In taberna mori...
Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hülfslehrer in Lammsdorf, er ging auf die Universität. Da sass ich eines Abends und untersuchte Moose durch die Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte und eine Bierbassstimme – wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs – ''n Morgen, Roder' hinter mir sagte. Es war Wimmer, der, wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert, 'die grosse Tour machte', wie er sagte. Geld besass er schon damals nicht, aber viel Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander in den Weg geführt, und immer war der Doktor Wimmer – derselbe..."
"Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, solange man noch die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört", sagte ich.
"Halt", rief der Lehrer, "welch ein prächtiges Aconitum, entschuldigen Sie!" Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich in den Bart murmelte:
"Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, solange noch in eine Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein."
"Onkel Wachholder, Onkel Wachholder! kommt alle schnell, schnell einmal her!" rief jetzt Lieschen in der Ferne.
"Was gibt's denn, Liese?" ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse legend.
"Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!" schallt es wieder, und wir setzten uns in Trab.
Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor, hochrot vom Singen und Rennen, und liess die Kleine in einen Fliederbusch schauen. Liese, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu stören, guckte selig durch die Zweige, während der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte.
"Nicht wahr, Liese, das musste ich dir doch zeigen? 's ist doch prächtig, wenn einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald!"
Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer zog's ihm heraus. Es war – "Reineke de Voss", des Doktors ewiger Begleiter auf allen seinen Fahrten, den er fast auswendig wusste. Bei der Berührung des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann:
De quad deit, de schuwet gern dat licht:
Also dede ok Reinke de bösewicht.
He hadde in de stad so vele missdan,
Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.
He schuwede seer des Konniges hoff
Darin he hadde seer kranken loff! –
"Aber hier, Liese, ist's was anderes; wenn wir hier ein Vogelnest finden, so dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen."
"O das ist wunder-wunderhübsch", ruft die Kleine, welche gar nicht hört, was der Doktor sagt. "Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht – oh, welche grosse Schnäbel – er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! – Er tut dir nichts, kleiner Vogel, bleib ruhig sitzen!" –
Jetzt liess der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: "Nun lauf zu Fuss", sagte er, "das Gras ist trokken."
Welch ein Tag! Noch zogen weisse Wölkchen über die Baumwelt weg, bald aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis: "Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lieschen?" – Die Händchen sind schon so voll, dass wir bei jedem Schritt eine verlieren und dass der Doktor sagen muss:
"Ist's nicht wie im Märchen, wo der Vater