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wohl mit aufgeschrieben, dass ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang haben würde. Ich weile in der Minute und springe über Jahre fort: ich male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen, ichschreibe keinen Roman!

Heute werfe ich zum erstenmal einen prüfenden blick zurück und muss selber lächeln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernünftigen Leute sagen, wenn diese Blätter einmal das Unglück haben sollten, hinauszugeraten unter sie? ich segne doch die Stunde, wo ich den Entschluss fasste, diese Blätter zu bekritzeln, mit einem Fuss in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und in der Vergangenheit! – Wieviel trabe, einsame Stunden sind mir dadurch nicht vorübergeschlüpft sonnig und hell, ein Bild das andere nachziehend, dieses festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes, freundliches Wechselspiel! So schreibe ich weiter.

Manche alte verstaubte Mappe mit Büchern, Heften, Zeichnungen, vertrockneten Blumen und Bändern liegt da: ich brauche nur hineinzugreifen, um eine süsse oder traurige Erinnerung aufsteigen zu lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch als die folgende, welche ich überschreibe:

Ein Tag im wald

"Fahren wir, oder gehen wir?" hatte Lieschen am Abend jenes auf den vorigen Seiten beschriebenen, so ereignisvollen Tages noch gefragt.

"Wir fahren!" war die Antwort gewesen, und glücklich darüber hatte das Kind das Näschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.

Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens, den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grüne Botanisierbüchse auf dem Rükken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.

Die alte Marta hatte den Kaffee fertig, und Lieschen, die bei ihrem Eifer, ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr hülfe als gewöhnlich nötig gehabt hatte, sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer hinter sich herziehend.

Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt. Er ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines Schulmeisters, der wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn es einen Stand gibt, der sich durch Generationen fortpflanzt, so ist es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt der Vater vom land einen seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Söhne in die Stadt mit einer Bibel, einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als Bibliotek. Der Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein grösseres Talent, die Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere stimmewenn sie auch gerade sich setzt? So ausgerüstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz seiner weitern Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter der wilden Bande seiner Mitschüler, die ihn hänseln und zum besten haben in seiner Gutmütigkeit und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur ein erster April, wo man die Narren "umherschicktin den April". Selbst der Zuwachs seiner Bibliotek, bestehend aus den Schulbüchern seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag ihn nur mittelmässig zu trösten; ein grösserer Freund ist ihm in dieser Epoche seines Daseins das alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater für ein billiges gemietet und in sein Dachstübchen gestellt hat. Davor sitzt der arme und spielt seine Choräle und Volksweisenletztere nach dem Gehör, und denkt zurück an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister und vor allem an die Schule, wo er der Erste warja sogar in der Ernte den Vater zuweilen vertreten durfte; während er hierer, der grosse Bengel! – ganz unten seinen Platz unter den Kleinsten, Dummsten und Faulsten bekommen hat!

Warte nur, armer Kerlsieh, da bricht schon der erste freudige Strahl in dein dunkles Sein. gewöhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer, der ein Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher Naturfreund ist, womit meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet, dem begegne, du armes einsames Gemüt, und du wirst einen Freund gefunden haben. Jetzt verändert sich alles!

Welch ein Schweifen nun über Berg und Tal; welch ein Versenken in all die kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im wasser, auf und unter der Erde! Wie sich das Dachstübchen füllt mit Käfern, Schmetterlingen, Herbarien usw. Welch eine selige Ermüdung an jedem Abend, welch ein Träumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen!

Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden durchflogenden Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt sich immer schöner und weiter vor uns aus. – Ach, ein Faust zu sein, ist es nicht nötig, alles studiert zu haben: das Wollen allein genügt, den Mephistopheles aus dem Nebel hervortreten zu lassen!

Stütze nur die heisse Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen durchwachten Nächten, beschwöre nur die Geister alter und neuer Zeit herauf, sie sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und Zweifel und vergebliches Streben!

Der Arm der notwendigkeit fasst dich und schleudert dich mit deinem Wissensdrang in ein kleines abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer grossen Stadt; da begrab dein volles Herz und suchezu vergessen!

Glücklich, wenn du's kannst; glücklicher aber vielleicht doch, wenn es dir gegeben ist, auch hier weiterzusuchen. Der Pulsschlag des Weltgeistes pocht ja überall: "Suchet, so werdet ihr ihn finden!" sagt das schönste der Bücher,