zu, welches soviel heissen sollte als: 'Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!' Das war aber dem armen Bello zuviel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie du weisst, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen liess.
Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr schönes glattes Fell, als auf einmal... 'Piep, piep, piep!' es im Schranke ertönte.
'Mause, Mi-ause, Mi-ause am Braten drinnen – und ich dri-aussen, dri-aussen, dri-i-i-aussen!' jammerte die Katze.
'Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlässigkeit!' heulte der Hund, und dann – kam Marta vom Markte zurück, und Hund und Katze gingen hin, wo sie hergekommen waren.
Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige geschichte vorgefallen ist." Und so geschah's; Lieschen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muss, nämlich ohne allzu klugen Schluss und ohne Moral. Dass der Doktor nicht bei meiner Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er wieder schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre.
"Herr Wachholder", sagte Marta auf einmal ganz treuherzig – "das Loch im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können nun nicht mehr hinein."
"Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Marta!" Ich dachte an den Doktor und seine Anspielungen.
Am 11. Januar
Wie der Efeu aus dem Ulfeldener wald höher und von der warmen Sonne, getränkt von kleinen, sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflücken, dass die Pflanze immer frisch und jung dastehe!
Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Marta wird immer älter und gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche geweint. Der hübsche, goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.
So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre hände hauchte ihn an und suchte ihn zu erwärmen – ach, armes Kind die Toten kommen nicht wieder!
Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfasst und in seine Wirbel gezogen; – gehe hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen – dass du die Schule nicht versäumst! – Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht; aus Lieschens Kinderstimme klingt mir nun oftmals – wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt – ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt auffahren lässt. Es ist derselbe Ausruf, den sie an sich hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig verklungen hielt und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?
Weine nicht mehr, Lieschen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen, draussen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden Rosenbüsche und denken, dass die Welt so gross, so unendlich gross sei und doch nichts darin verlorengehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, dass im nächsten Frühlinge aus seinem leib eine hübsche goldgelbe Blume aufspriessen werde: zur Freude des bunten, winzigen Schmetterlings und des grossen, ewigen Gottes.
Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lieschen (wenn du es heute vielleicht auch verschenken wirst) – gib mir einen Kuss und grüsse den Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.
Lieschen nickte und ging – noch immer schluchzend: ich aber machte mich auf den Weg zur Expedition der 'Welken Blätter', ohne eine Ahnung von dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.
Mohrenstrasse Nr. 66 war damals schon und ist auch heute noch das Büro dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit goldener Brille und roter Perücke – jetzt lange tot –, und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.
"Meine Herren", schrie, einen gestempelten Bogen schwingend, der Doktor, "ausgewiesen!"
"Ausgewiesen!?"