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Hund!" sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett abwischend, während die alte Marta sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet ihn diesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.

"Ja, kucke mich nur so an und lecke deinen Schnurrbart", sagt Lieschen. "Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bett darf."

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:

"Vielleicht freute sich das arme Tier nur, dass es nun auch bald wieder gesund werden könne, es war doch ebenso nass geworden wie du und hat gewiss auch die ganze Nacht hindurch gehustet."

"Nein", sagte die Kleine, "er tat's nur, weil ich ihm meine Schürze über den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart leckt!"

Dagegen lässt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite herauszukehren.

"Das war aber auch sehr unrecht von dir, Elise! Was hatte dir denn das arme Tier getan? eigentlich dürfte ich dir nun die schöne geschichte, die ich weiss, gar nicht erzählen."

"Wir wollen uns wieder vertragen", sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel zu. "Nicht wahr, du?"

Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.

"Gut denn, wenn du hübsch artig und still liegenbleiben und weder Händchen noch Füsschen hervorstrecken willst, so werde ich dir eine wunderbare geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Höre:

Es war einmal einKüchenschrank, ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester Küchenschrank, und er stand und stehtdraussen in unserer Küche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! – Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davorstanden, für das einzige Übel an ihm erklärt wurde. Marta hatte aber die Schlüssel in ihrer tasche, und beide Personen, die ich dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmigsie waren sonst selten einer Meinungfür sehr unangenehm, sehr unrecht und sehr Misstrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, dass beide davorsitzende Personen von grossem Ansehen und Gewicht waren sowohl in der Küche wie auf dem hof und dem Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auchdas war ihre Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und daswar sehr unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schönen weissen Pelz beneidet, einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her, denn sie ärgerte sich eben sehr, und zwar über drei Dinge:

erstens: über den verschlossenen Schrank, zwei

tens: über die andere person, drittens: über sich

selbst. Es war, es war... nun, Lieschen, wer war es?"

"Die Katze, die Katze!"

"Richtig, die Katze, Miez, der Madam Pimpernell ihre Katze. (Holla, Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andere person war etwas grösser als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge: das Schloss am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besass nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite person wohl sein, Liese?"

"Der Hund, Marquarts Bello!" schrie Elise ganz entzückt.

"Geraten, es war Bello, der Edle, ein weitläufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aberwie gesagtvor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

'Nun?' sagte Miez, den Bello anguckend.

'Nun?' sagte Bello, die Miez anguckend.

'Miau!' klagte Miez, den Schrank anguckend.

'Wau!' heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben!

'Packen Sie sich auf den Hof', sagte die Katze, 'was haben Sie hier zu gaffen?'

'Sie hätte ich Lust zu packen', schrie der Hund, 'scheren Sie sich gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Auf kriegen Sie ihn doch nicht!'

'Pah!' sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde