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Hudiwudri, der lustigen Madame Pompadour und all den andern Wundernzurück in unsere Sperlingsgasse und schlafen, müde vom Gehen, lachen und Jubeln, schon beim Auskleiden ein.

Dann steigt der volle, reine Mond über den Dächern auf. Der Abendwind weht frischere Lüfte über die grosse Stadt. Der Lärm des Tages ist vorbei; manche bedrückte Brust atmet leichter in der dämmerigen Kühle. Mancher sehnige Mannsarm, der den Tag über den Hammer, das Beil, die Feile regierte, legt sich sanft um ein befreundetes Wesen, das ihm neuen Mut im harten Kampf gegen die Materie gibt; manche harte hände heben kleine, schlaftrunkene Kindchen aus den ärmlichen Bettchen, um an den kleinen Lippen Hoffnung und Mut zum neuen Schaffen zu saugen! Und auch ich beuge mich dann über meine schlafende Pflegetochter, den leisen, ruhigen Atemzügen der kleinen Brust lauschend, während die alte Marta am Fussende des Bettes strickt.

Das Lockenköpfchen des Kindes liegt auf dem rechten Ärmchen, das Gesichtchen ist in dem Kopfkissen vergraben; ich kann die lieblichen, reinen Züge nicht sehen. – –

Da sieh! Plötzlich wendet sich das Kind um und dreht mir voll das Gesicht zues murmelt etwas. "Mama!" flüstert es leise, und ein heiliges, glückseliges Lächeln gleitet über das Gesichtchen.

Wer raunt der Waise das süsse Wort zu? – Die alte Marta hat die hände gefaltet und betet leise. – "Mama, liebe, liebe Mama!" flüstert das Kind wieder, das Ärmchen ausstreckend.

Ist es ein Traum, oder kommt die erdentote Mutter zurück, über ihrem kind zu schweben?

Dann fällt wohl ein Mondstrahl glänzend durch das Efeugitter auf das Bild Mariens, der Kanarienvogel zwitschert auch wie im Traume auf, eine Wolke legt sich vor den Mond, der Strahl verschwindetdas Kind versenkt, sich umdrehend, das Köpfchen wieder in die Kissen.

"Gute Nacht, Elise! Felicissima notte, sagen sie in dem schönen Italien, wo du heute weilst, eine glückliche, liebende Frau: Felicissima notte, Elise!"

Am 10. Januar

Seit ich jene Mappe, überschrieben "Ein Kinderleben", hervorgenommen habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll draussen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, dass ich viel davon wüsste. In diesen verund blühender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen, hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Dinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt. Marta hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt: "Schwitzen, schwitzen!"

"Brr!" –

Mühe genug hat's dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen, strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. 's ist auch zuviel verlangt, die arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben. – Himmel, was bringt Marta da für einen kleinen, braunen Kerl an! Er gleicht fast dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist's für ein Glück, dass wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

fräulein Elise Ralff.

Alle 2 St. einen Esslöffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch misstrauisch genug aus unserm Bettchen an, und der Onkel Wimmer, der zur hülfe herübergekommen ist (natürlich begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

"geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird's nicht abgehen. Das Volk hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiss und Blut! Probatum est."

Marta kommt nun mit einem Löffel, einem Glas wasser und einem Stück Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird und Rezensent immer gespannter auf die entwicklung der Dinge zu warten scheint.

"Ich mag nicht einnehmen!" wehklagt jetzt Liese, als ich dem Meister Sem die rote Mütze abziehe – "es schmeckt so scheusslich!"

"Aha", lacht der Doktor Wimmer – "die oktroyierte Verfassung!"

Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das schnelle Herunterschlucken hervor.

"Gib's dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!" ruft Lieschen endlich weinerlich.

"Ja, das ist auch wahr: kommen Sie, Onkel Wachdamit die Liese sieht, dass es den Hals nicht gilt."

Und der Doktor nimmt, den rücken der Kleinen zukehrend, den Köter zwischen die Knie, tut, als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse, und liebkost den Pudel dabei, dass dieser freudig aufspringt und lustig bellt.

"Siehst du. Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine Donna! Frisch herunter! – – – Eins, zwei, drei und..."

herunter war's. Schnell das Glas wasser und das Stück Zucker dahinterher!

"Du hässlicher