Einige Minuten später stürzt Fritze, der Druckerjunge, aus der Tür von Nummer elf mit einem Blatt Papier, welches noch sehr nass zu sein scheint, denn er trägt es gar vorsichtig und hält es mit beiden Händen weit von sich ab. Jetzt erscheint der Doktor ebenfalls in der Gasse, den östreichischen Landsturm pfeifend, die Zigarre im mund und mit dem Hakenstock sehr burschikose Fechterübungen gegen einen eingebildeten Gegner machend. Er brüllt herauf:
"Wetter, edler Philosoph, lassen Sie die deutsche Presse nicht zu unvernünftig lange warten."
Halb gezogen von Lieschen, halb umgeworfen vom Rezensenten, der, wie es scheint, seiner höheren Bildungsschule sehr ungeduldig entgegengeht, stolpere ich die Treppe hinunter über Eimer und Besen, über Kinder und Körbe. Aus allen Türen blicken alte und junge, männliche und weibliche Köpfe, die alle der kleinen Liese Ralff freundlich zunicken. Und wirklich, sie ist auch – wie einst ihre Mutter, nur jetzt noch auf andere Weise – das bewegende Prinzip der ganzen Hausgenossenschaft. Auf der Gasse taucht der Klempner Marquart aus seiner Höhle auf und erhält von der Liese Gruss und Handschlag, nicht aber vom Rezensenten, der den Feuerarbeiter hasst und, wie es so oft in der Welt geschieht, das Werkzeug für die Ursache nimmt. Hat nicht Marquart auf hohe polizeiliche Anordnung ihm, dem ehrbaren, soliden Rezensenten, dem Muster aller Pudel, den Maulkorb mit der Steuermarke um die beschnurrbartete Schnauze geschlossen? Wer verdenkt es dem braven Köter, wenn er wehmütigwütig vor dem Keller den husarenfederbuschartig zugeschnittenen Schwanz zwischen die Beine zieht und seitwärts schielend vorbeischleicht, "sich in die Büsche schlägt", wie Seume und mein Freund Wimmer sagen? Und nun durch die Gassen! Himmel, was sollen wir der Kleinen nicht alles versprochen haben! Da eine "reizende" Gliederpuppe mit Wachsgesicht, an jenem Laden wieder ein "wonniges" kleines Puppenservice von gemaltem Porzellan und so fort, dass der Doktor ganz wehmütig den Hut auf die Seite schiebt und sich hinter dem Ohr kratzt.
"Ja, kucke nur, Onkel Wimmer, hast du nicht gesagt, du wolltest mir solch ein hübsches Kaffeegeschirr kaufen, wenn ich nicht wieder aus deinen alten, schmutzigen Schreibbüchern dem Rezensenten einen Federhut machen wolle?"
"Denken Sie, Wachholder" – sagt der Doktor zu mir –, "da hatte die Herostratin vorgestern einen ganzen Bogen Manuskript, das ganze zwanzigste Kapitel der 'Flodoardine' zu dem eben von ihr erwähnten Zwecke vermissbraucht! Denken Sie sich meine Verblüffteit, als der Köter so geschmückt aus seinem Winkel mir entgegenstolziert, auf den Stuhl mir gegenüber springt und einen verachtenden blick über den Schreibtisch und die noch übrigen Bogen wirft, als wolle er sagen: Pah, aus dem andern Schund machen wir eine ganz famose Jacke!"
"Kriege ich mein Geschirr?" ruft der kleine Verzug zwischen uns ungeduldig.
"Ja", sagte der Doktor gravitätisch; "mit der zweiten Auflage der 'Flodoardine'!"
"Ach", mault die Kleine, wehmütig über diese dunkle, ihr unverständliche Vertröstung, "ich sehe schon, du hast wieder mal kein Geld!"
Lachend marschierte ich weiter, während der Doktor ebenfalls etwas Unverständliches in den Bart brummte.
Und jetzt sind wir am Eingange der buntgeschmückten Bude angekommen und einen Augenblick, darauf auch drinnen. Affen und Äffinnen, Hunde und Hündinnen machten ihre Kunststücke, und die Bretter bedeuteten auch hier eine Welt, und Affe und Äffin, Hund und Hündin betrugen sich wie Menschen. Die kleine Elise jauchzte, und Rezensent starrte verwundert seinen Stammesgenossen auf der Bühne zu. Er schien ganz perplex, und von Zeit zu Zeit stiess er einen heulenden laut aus, den der Doktor verdolmetschte:
"Berichterstatter war ausser sich vor Entzücken."
Bellte der gelehrte Pudel kurz und schroff, so meinte der Doktor, das bedeute:
"Berichterstatter war ausser sich über die Insolenz eines so unreifen Künstlers, vor einem so kritisch gebildeten Publikum, wie das unserer Residenz, zu erscheinen."
Wedelte das rezensierende Vieh mit seinem Husarenbusch, so hiess das:
"Diese junge Künstlerin verdient alle Ermunterung. Bei fortgesetztem fleissigem Studium verspricht sie etwas Grosses zu leisten."
Gähnte der Köter, so sagte der Doktor:
"Berichterstatter rät dem Verfasser dieses geistvollen Stücks, sein elendes Machwerk nicht für dramatische Poesie auszugehen. Mit einer Tragödie hat es nichts gemein als fünf Akte!"
Als am Schluss der Vorstellung das grosse und kleine Publikum sich erhob und Beifall klatschte, der Pudel aber, wie von einer grossen Verpflichtung befreit, unter die Bank sprang, erklärte der Doktor, das bedeute:
"Gottlob, dass die geschichte vorbei ist. Jetzt kann man sich doch mit Gemütsruhe eine Zigarre anzünden und zu Butter und Wagener am Gänsemarkt gehen."
Und das tat der Doktor auch. Vorher aber hob er die kleine Elise noch zu sich empor und gab ihr – wie sehr sie sich auch sträubte – einen tüchtigen Schmatz.
"Also bei der zweiten Auflage der 'Flodoardine' schaffen wir uns ein neues Teeservice an", sagte er lachend.
Rezensent schien erst im Zweifel mit sich zu liegen, welcher von beiden Parteien er folgen solle. Zuletzt gewann aber der Gedanke an Wurstschelle und so weiter die Oberhand. Er trabte dem Doktor nach.
Wir aber gehen nicht zu Butter und Wagener am Gänsemarkt. Wir kaufen noch Obst von der alten Hökerfrau an der Ecke und kehren glücklich – das kleine Herz voll vom Affen Kätz mit der Laterne und dem Spitz