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behielt jedoch die Knarre in der Rechten, und nun ging's durch die menschen- und lichtererfüllten Strassen nach haus. Wie glänzte heute abend die alte, dunkle Sperlingsgasse! Von den Kellern bis zum sechsten Stock, bis in die kleinste Dachstube war die Weihnachtszeit eingekehrt; freilich nicht allentalben auf gleich "fröhliche, selige, gnadenbringende" Weise. Welch einen Abend feierten wir nun! Wir liessen unsere kleine Begleiterin natürlich nicht zu ihrem kaltgewordenen Stübchen hinaufsteigen. War ich nicht schon auf der Universität meines famosen Punschmachens wegen berühmt gewesen? (Eine Kunst, die mir mein Vater mit auf den Lebensweg gegeben hatte.) Der Karikaturenzeichner holte einen Tannenzweig, den er auf der Strasse gefunden hatte, hervor und hielt ihn ins Licht.

"Das ist der wahre Weihnachtsduft", sagte er, "und in Ermangelung eines Bessern muss man sich zu helfen wissen."

Horch! Was trappelt auf einmal da draussen auf der Treppe? Ein leises Kichern erschallt auf dem Vorsaal und scheint noch eine Treppe höher steigen zu wollen. "Zu mir?" sagt Rosalie und springt verwundert nach der Tür.

"Ach, da ist sie?!" schallt es draussen, und auch ich stecke meinen Kopf heraus.

"Guten Abend, alter Herr! Guten Abend, Rosalie! Guten Abend, Röschen!" erschallt ein Chor heller, lustiger Stimmen.

"Wo ist Alfred, wir bringen ihm einen Weihnachtsbaum!"

"Hurra, das ist's, was wir eben brauchen!" schreit der Zeichner, seine Knarre schwingend. "Schönen guten Abend, meine Damen, und fröhliche Weihnachten!"

Aus dunkeln Mänteln und Schals und Pelzkragen entwickelt sich jetzt ein halbes Dutzend kleiner Teaterfeen, die alle jubelnd und lachend meine stube füllen undauf einmal alle ein verschiedenes Musikinstrument hervorholen, welches sie auf dem Weihnachtsmarkt erstanden haben. Ein Heidenlärm bricht los; das knarrt und quickt und plärrt und klappert, dass die Wände widerhallen und Rosalie, welche beschwörend von einer der kleinen Ratten zur andern läuft, zuletzt, die Ohren zuhaltend in dem fernsten Winkel sich verkriecht.

Endlich logt sich der Skandal mit dem ausgehenden Atem und der ausgehenden Kraft des Karikaturenzeichners, der vor Wonne über das Pandämonium kaum noch seine Knarre schwingen kann.

Welch ein Punsch war das! Welche Gesundheiten wurden ausgebracht! Welche Geschichten wurden erzählt! Vom Souffleur Flüstervogel bis zum Ballettmeister Spolpato, ja bis zu Seiner Exzellenz dem Herrn Intendanten hinauf.

Heute abend malte Strobel keine Karikaturen, aber sich selbst machte er oft genug zu einer. Beim Versuch, sich auf einer mit dem Halse auf der Erde stehenden Flasche sitzend zu drehen, beim Zuckerreiben, beim Versuch, den glimmenden Docht eines ausgeputzten Wachslichtes wieder anzublasen, und bei anderen Kunststücken.

Alfred, der durch Unterlegung von Pufendorfs und Bayles schweinslederner Gelehrsamkeit und durch Auftürmung verschiedener dickbändiger Erziehungsteorien dazu gebracht war, neben seiner kleinen Mutter sitzend, über den Tisch blicken zu können, jubelte mit, bis ihm die Augen zufielen und er auf meinem Sofa ein- und weiterschlief bis elf Uhr, wo das fest endete, die kleinen Gäste wieder in ihre Mäntel krochen, mich für einen "gottvollen alten Herrn" erklärten, Röschen küssten und nach einem vielstimmigen "gute Nacht" die Treppe hinabtrippelten. Darauf trug Strobel den schlafenden Alfred eine Treppe höher (wozu ich leuchtete) undauch dieser Weihnachtsabend der Sperlingsgasse war vorbei.

Am 1. Januar

Neujahrstag! – Ich habe einen Brief bekommen aus dem fernen Italien, ein köstliches Neujahrsgeschenk. Er spricht von der alten dunkeln Sperlingsgasse und Glück und Wiedersehen, und eine Frauenhand hat diese feinen, zierlichen Buchstaben gekritzelt. Den sondern fahre in meinem Gedenkbuch fort, wozu ich diesmal eine neue Mappe hervorsuchen muss. –

So war ich denn allein mit der kleinen Elise, die unbewusst ihres Waisentums und des unbehülflichen Pflegevaters auf Martas Schoss tanzte, als ich auch von dem Begräbnisse zurückkehrte in diese vor kurzem noch so fröhliche, jetzt so öde wohnung in Nr. sieben der Sperlingsgasse. Da standes steht noch daauf dem Fenstertritt Mariens kleines Nähtischchen mit unvollendeten arbeiten, Zwirnknäulchen, Nadeln und Bändern, wie sie es an jenem Abend, über Kopfweh klagend, verlassen hatte, um nicht wieder davor zu sitzen, nicht wieder durch die Rosenund Resedastöcke und das Efeugitter in die dunkle Gasse hinauszusehen. Da waren noch allentalben die Spuren ihrer zierlichen Geschäftigkeit. Franz hatte die letzten drei Monate wie ein Argus über ihre Erhaltung gewacht. – Dort auf jenem Stuhl hing ihr Hütchen, dort das Handkörbchen, welches sie bei ihren Einkäufen mit sich führte.

Im zweiten Fenster stand Franzens Staffelei: das vollendete Bild Marienslächelnd, wie sie nur lächeln konntedarauf lehnend. Seine farbenbedeckte Palette hing daneben, seine Skizzenmappen und Rollen lehnten und lagen allentalben. Hinter der Tür hing sein zerdrückter Biber, den wir so oft auf unsern Spaziergängen mit Blumen und Laubgewinden umkränzten und der Marien, seines jämmerlichen, manchen-sturmdurchlebten Aussehens wegen, ein solcher Dorn im Auge war.

Kein Fleckchen, kein Gerät ohne seine traurig süsse Erinnerung. Zerbrochenes Kinderspielzeug auf dem Boden... und ich allein mit dem kind in dieser kleinen Welt eines verlornen GlücksErbe von soviel Schmerz und Tränen und Verlassenheit!

Aber jetzt galt es zu handeln, nicht zu träumen, Ich musste mich aufraffen. Ich nahm der Wärterin das kleine Lieschen aus den Armen, küsste es und versprach mir leise dabei, dem kind meiner Freunde ein treuer Helfer zu sein