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Es war ein glückliches Leben, dieses Leben im wald, und es ist von grossem Einfluss auf meine spätere künstlerische entwicklung gewesen. Noch gar gut erinnere ich mich des Tages, an welchem ich mein erstes Kunstwerk an der Stalltür zustande brachte. Es war ein Porträt unseres alten Burchhards und seines getreuen Begleiters, des kleinen Dachshundes, der die Eigentümlichkeit hatte, gar keinen Namen zu besitzen, sondern nur auf einen besonderen Pfiff seines Herrn hörte.

Der folgende Zeitraum meiner geschichte, Johannes, ist dir fast so gut als mir bekannt, und ich könnte schneller darüber weggehen, wenn es mich nicht überall, wo ihr Bild auftaucht, so gewaltig festielte.

Wieviel heimliche Tränender Oheim liebte das Weinen nichtwischte ich mir aus den Augen, als der Tag kam, an welchem ich meiner grünen Waldesnacht Ade sagen musste. Gern hätte ich mich an jeden Baum, an jeden Strauch, an welchem der Weg aus dem wald heraus vorbeiführte, festgeklammert. Wie unermesslich weit und gross kam mir die Welt vor! Wie eine Eule, die man aus ihrer dunkeln Höhle in den Sonnenschein gezerrt hat, schien ich mir anfangs in Ulfelden. Ich war unglücklich, wie ein Kind von zwölf Jahren es nur sein kann, ehe ich mich in das ungewohnte Leben hineinfand.

Wie deutlich steht mir der erste Abend in unserer Kindheitsstadt noch vor dem Gedächtnis! Der Oheim war zurückgekehrt in sein einsames Waldhaus, die Frau Rektorin wirtschaftete in der Küche, der alte Rektor sass oben in seinem kleinen Studierstübchen über dem Tacitus, seinem Lieblingsschriftsteller, wie ich später erfuhr, undich kauerte einsam mit verquollenen, tränenden Augen auf der grünen Bank vor dem haus und blickte in dumpfem Hinbrüten den vorbeischiessenden Schwalben nach: als auf einmal ein kleines, etwas schmutziges Händchen mir einen angebissenen rotbackigen Apfel hinhielt, ein Lockenköpfchen sich unter meine Nase drängte und ein feines Stimmchen sagte:

'Nicht weinen... Junge... Mama auch Eierkuchen backen.'

Ich hatte damals grosse Lust, die kleine Trösterin zurückzustossen, sie liess sich aber nicht abweisen, und als ich über ihr Mitgefühl stärker zu schluchzen anfing, fing auch sie an zu weinen. Unter diesem Tränenstrom wurden wir von dem alten Rektor überrascht, welcher plötzlich in seinem rotgeblümten Schlafrockein Porträt von ihm gibt es dort unter meinen Skizzen- und mit der langen Pfeife im mund hinter uns stand.

'Nun, kleines Volk', sagte er lächelnd, 'das ist ja eine prächtige Freundschaft zwischen euch, die so mit Heulen anfängt! Wer hat denn dem andern etwas zuleide getan?'

Diese diplomatische Wendung der Sache brachte auf einmal meinen Tränenstrom zum Stehen, und auch die kleine Marie lächelte sogleich wieder durch die hellen Tropfen, die ihr über beide Backen rollten.

'Wird schon gehen, wird schon gehen!' brummte der alte Scholarch, fuhr mit der Hand über meine Haare und ging dann zurück ins Haus, um seiner Frau beim Eierkuchenbacken zuzusehen.

Die kleine Marie aber führte mich zu ihrem Garten im Winkel, grub eine keimende Bohne hervor, zeigte sie mir jubelnd und versprach mir ein ähnliches Feld für meine Tätigkeit. Dann zogen wir uns in die Geissblattlaube zurück, wo der Tisch gedeckt war. Da fand ich neben dem Nähzeuge der Frau Rektorin ein Buch auf der Bankein Bilderbuch, welches mich den Wald, das Jägerhaus, den oheim, den alten Burchhard, mein ganzes Heimweh zuerst vergessen liess. Es war ein zerlesener und zerblätterter Band des welt- und kinderbekannten Bertuchschen Werts. Welch eine neue Welt ging mir da auf! – Und die kleine Marie lehnte neben mir, lachte, erklärte und kitzelte mich mit Strohhalmen; dann kam die Frau Rektorin mit dem Eierkuchen, und der Rektor verliess seinen Tacitus; die Glocken der alten Stadtkirche läuteten den morgenden Sonntag einich hatte mich gefunden! – Erinnerst du dich wohl noch, Hans, dieses Sonntagmorgens, der auf meinen ersten Tag in Ulfelden folgte? Weisst du wohl noch, wie du mir in der Kirche zunicktest und beim Nachhausegehen unsere Freundschaft ihren Anfang nahm durch eine Handvoll Kletten, welche du mir in die Haare warfest? Weisst du wohl, Johannes, wie ich aus dem blöden Waldjungen zu dem tollsten, verwegensten Schlingel der ganzen Gegend heranwuchs und nur duckte, wenn mich die kleine Marie aus ihren grossen Augen so traurig ansah? Es war eine prächtige Zeit, unddas Latein war durchaus keine so böse Krankheit wie das Scharlachfrieselich hatte diese Vorstellung aus dem wald mitgebracht –, sondern höchstens ein leichter Schnupfen, der bald wieder auszuschwitzen war.

Dann kamen die Zeichenstunden bei dem alten Maler Gruner, der mir zuerst die Welt des Schönen deutlicher vor die Augen legte, der in seiner trockenen, kaustischen Weise das Leben, welches er sehr wohl kannte, an mir vorübergleiten liess, dass ich verlangte und mich hinaussehnte in diese so schön blühende Welt, wo man nur die Hand auszustrecken brauchte, um Glück, Ruhm und Reichtum zu erfassen.

Den Wald hatte ich fast ganz vergessen; ich sehnte mich gar nicht zurück; hinaus wollte ich in die Welt, Maler werden, tausend Träume hatte ich, und in allen schwebte Mariens holdes Bild!

Da wurde ich eines Tages zurückgerufen in das einsame Jägerhaus und fand meinen alten Oheim auf dem Sterbebette. Eine Erkältung, die er sich zugezogen und nicht beachtet, hatte bei seinem vorgerückten Alter eine tödliche Wendung genommen. Alle ärztliche und geistliche hülfe verschmähend, hatte