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eilend, "sehen Sie, welch ein Bild!"

In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster geöffnet. Die kleine Ballettänzerin, welche dort wohnt, liess ihr hübsches Kindchen nach dem leise herabsinkenden Schneeflocken greifen. Das Kind streckte die Ärmchen aus und jubelte, wenn sich einer der grossen weissen Sterne auf seine Händchen legte oder auf sein Näschen. Die arme, ohne die Schminke der Bühne so bleiche Mutter sah so glücklich aus, dass niemand in diesem Augenblick die traurige geschichte des jungen Weibes geahnt hätte.

"Ich habe auf ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift: Chronik der Sperlingsgasse", sagte Strobel; "das Bild da drüben gehört hinein, wie es in meine Skizzenmappe gehört."

"In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden", antwortete ich, "und die Chronik hat deren genug. Wie wär's aber, wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik der Sperlingsgasse würden; Sie haben ein gar glückliches Auge!"

"Glauben Sie?" fragte der Karikaturenzeichner, der den Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte. "Sie wollen keine dunkeln Blätter; – kennen Sie vielleicht die geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners, der vor dem Spiegel an seinem eigenen gesicht die Fratzen der menschlichen Leidenschaften studierte?"

"Nein, ich kenne die geschichte nicht. Was ward mit ihm?"

"Erschnitt sich den Hals ab", sagte der Zeichner dumpf, seine vollendete Skizze fortlegend.

Verwundert schaute ich auf. Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von Trübsinn angenommen, der mich fast erschreckte. Er sprach nicht weiter, und es trat eine Pause ein, während welcher drüben das Kind lachte und jubelte und die Tänzerin den Spatzen, die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten, Brotkrumen streute. Ich sah, dass der Zeichner allein sein wollte, und ging; der sonderbare Mensch begleitete mich bis zur Treppe. Dort sagte er, mir die Hand drückend und lächelnd:

"Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden, Signore!"

So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel.

Am 10. Dezember

Es ist jetzt vollständig Winter geworden; der Schnee liegt zu hoch in den Strassen, als dass man den Schritt der verspäteten Fussgänger, das Rollen der Wagen hören könnte. Es ist tiefe Nacht.

Was ist das für ein bleiches, verfallenes Gesicht, welches da vor mir auftaucht? Ist das Franzder lebensmutige, lebensglühende Franz Ralff, den ich einst kannte?

drei Monate waren hingegangen, seit man die tote Marie zu ihrer stillen Ruhestätte hinausgestragen hatte. Ich sass neben meinem Freunde, der, auf die begann:

"Höre, Johannes, ich muss dir eine geschichte erzählen. Es wird gut sein, dass du sie kennst; auch könnte wohl der Fall eintreten, dass mein Kind sie erfahren müsste. Letzteres will ich dann dir überlassen, Johannes.

Ich muss weit dazu ausholen, ich muss in unsere früheste Jugendzeit zurückgehen, wo wir glückliche, ahnungslose Kinder waren. O Johannes, lass mich sie zurückrufen, diese seligen Tage! Klingt es dir nicht auch bei jeder Erinnerung daran wie das Läuten jener im Wald verlorenen Kirche? Oh, mein Jugend-Waldleben! – Wie ich es jetzt vor mir sehe, dieses alte, braune, verfallende Jägerhaus mitten in der grünen, duftenden Einsamkeit! Vorbeiplätschernd der klare Bach, der dann tiefer im wald den stillen Teich bildet, den die Sage so wundersam umschlungen hat! Wie oft bin ich, das Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens, an funkelnden Mondscheinabenden, wenn die Bewohner des Jägerhauses vor der Tür sassen und der alte Burchhard das Waldhorndu weisst wie schönblies, dem durch das Dunkel glitzernden Bach nachgeschlichen, dem stillen wasser zu, das Treiben der Nixen und Elfen zu belauschen. Wie fuhr ich zusammen, wenn eine Eidechse im Grase raschelte oder ein Nachtvogel schwerfälligen Flugs über den glänzenden Spiegel des Teichs hinflatterte, indem ich dachte, jetzt müsse das wundersame Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Wehen beginnen um die volle Scheibe des Mondes, die in der klaren, stillen Flut widergespiegelt lag. Erst später erfuhr ich, woher der tiefe, geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme.

Wie oft bin ich, wenn der Sturm in den Bäumen rauschte, hinaufgestiegen in eine hohe Tanne, um mich, die arme fest um den rauhen, harzigen Stamm geschlungen, das Herz gepresst von Angst und unsäglicher Seligkeithin und her schleudern zu lassen vom Winde.

Und dann, wenn draussen die heisse Julisonne, die in diese Waldnacht nur vorsichtig neugierig hineinzulugen wagte, auf der Welt lag: welch ein Träumen war das! Welch eine Wonne war's, im Grase zu liegen, während der Rauhbach an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob, während die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstämmen oder über den Wellchen des Baches spielten und zitterten, die Wasserjungfer über mich hinschoss, ringsumher die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde zuneigten und der stolze Fingerhut sich trotzend in seiner Pracht erhob, als spreche er jeden verirrten Strahl der Sonne für sein Eigentum an.

Welche Winterabende waren das, wenn ich dem alten, weissbärtigen Mann, den ich Oheim nannte, auf dem Knie sass, mit den Quasten seiner kurzen Jägerpfeife spielte und seinen Geschichten und Sagen lauschte, während die Hunde zu unsern Füssen schliefen und träumten und nur von Zeit zu Zeit aufhorchten, wenn der alte Karo draussen anschlug