Nein, nein, von: 'Wir wollen sehen,' darf keine Rede sein; ein einfaches Ja oder Nein! – Bekomme ich alsdann meinen Schlüssel wieder?"
"Wenn er nichts Gefährliches verschliesst, ja."
"Keine Bedingungen; darauf lasse ich mich gar nicht ein. Ich sage Ihnen, zu welcher tür der Schlüssel passt, und Sie geben ihn mir zurück. Gehen Sie das ein?"
Der Baron zuckte lächelnd die Achseln, dann sagte er: "Sie sind grausam, Auguste; aber was kann ich machen? Sie haben mich in der Hand. – Doch i c h will Ihnen noch einen andern Vorschlag machen: Sie sagen mir die Bestimmung dieses Schlüssels, darauf gebe ich Ihnen denselben zurück und dann erlauben Sie mir, Sie nach Umständen wieder darum zu bitten."
Das Mädchen zauderte, eine Antwort zu geben, endlich aber sprach sie: "Das ist eine gefährliche Bedingung; wenn Sie sich auf's Bitten legen, da weiss ich am Ende nicht, was ich machen soll. Nein, nein, es ist mir zu gefährlich."
"Aber Sie können mir ja meine Bitten abschlagen," erwiderte er so innig und zärtlich als möglich.
"Und wenn ich nun nicht im stand wäre, Ihnen diese Bitte abzuschlagen?" sagte das Mädchen nach einer kleinen Pause mit unsicherer stimme.
"O, dann wäre ich ja doppelt glücklich!" rief der Baron, indem er sie leidenschaftlich an sich drückte und ihre Lippen suchte, deren Auffinden sie ihm gerade nicht besonders schwer machte. – "Doppeltes, seliges Glück! – – Hier ist der Schlüssel," sagte er nach einer längeren Pause; "darf ich nun wissen, was er verschliesst?"
"Gewiss, obgleich wir eigentlich viel Lärmen um Nichts gespielt haben. Sie kennen ja unseren Garten hinter dem haus; am Ende desselben befindet sich ein kleiner Pavillon, von dem eine tür auf die Strasse führt. Diese tür nun –"
"Oeffnet dieser Schlüssel!" rief der Baron hastig. "Ah! meine geliebte Auguste, jetzt bitte ich Sie doppelt, zehnmal, tausendmal darum. – Nicht wahr, Sie sagten ja vorhin, Sie können mir Nichts abschlagen?"
Das Mädchen nickte mit dem kopf und reichte stillschweigend den Schlüssel wieder zurück, den er eifrig ergriff, zu gleicher Zeit aber fasste er auch ihre Hand, die er, sowie den vollen weissen Arm, mit unzähligen heissen Küssen bedeckte.
In diesem Augenblicke musste der Besuch im Nebenzimmer entlassen worden sein. Die Präsidentin, eine kluge, verständige Frau und gewiss auf's Innigste besorgt für das Wohl ihrer einzigen und heiratsfähigen Tochter, hustete laut und vernehmlich, ehe sie die tür zum Salon öffnete. Gewandt rückte der Baron seinen Fauteuil zurück, ehe die Mutter eintrat, und gewandt griff das junge Mädchen ein plötzlich hingeworfenes Gesprächstema auf, in das nun die Beiden so vertieft schienen, dass sie den Eintritt der Präsidentin gar nicht bemerkten und laut hinaus lachten über die köstliche geschichte der Frau von A., die neulich Abends nach dem Teater zufälligerweise in ein ganz fremdes Coupé gestiegen sei.
Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter, sprang nun leicht und graziös in die Höhe, indem er versicherte, jetzt müsse alle Geduld erschöpft sein und er habe die Damen mehr gelangweilt, als bei der grössten Freundlichkeit zu verantworten sei.
Umsonst versicherte die Präsidentin, die Unterhaltung des werten Gastes werde ihr eine wahre Erholung sein nach der Fatigue des eben gehabten Besuches. Der Baron war nicht zu halten, obgleich ein langer und schmerzlicher blick auf Auguste dieser deutlich zu verstehen gab, wie schwer es ihm sei, sich jetzt loszureissen. Darauf küsste er die Hand der Mutter flüchtig, die der Tochter mit einer wahren Inbrunst und verschwand leicht und gewandt aus dem Salon.
Auf der Treppe atmete der Baron tief auf, schaute einen Augenblick wie forschend um sich her, sprang dann flüchtig die Stufen hinab und warf sich in seinen Wagen, nachdem er dem Kutscher zugerufen: "Nach haus!"
Die Pferde zogen an, das leichte Coupé flog dahin, und der junge Mann griff mit einem seltsamen Blicke des Triumphes in seine Brusttasche, wo er das bewusste Papier und den Schlüssel verwahrte. "Das ist viel auf einmal," sprach er laut zu sich selbst, während sein Auge blitzte, "dieses für mich so kostbare Blatt, unbezahlbar nach dem, was ich über den Schreiber desselben erfahren, und dann ein Schlüssel, um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des Polizeipräsidenten gelangen zu können. – Glück, du warst mir günstig! – Aber das arme Mädchen droben! – Ah! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck. Sie ist schön und gut, auch noch ziemlich unerfahren. – arme – arme Auguste!" – An diese letzten Worte, die der junge Mann noch ziemlich heiter aussprach, mussten sich plötzlich ernste, finstere Gedanken reihen, Gedanken, die ihm in kurzer Zeit furchtbar wurden, denn das Auge verlor fast mit einem Male seinen Glanz und stierte matt mit schrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens, und der Kopf sank auf die Brust herab, während er die Unterlippe heftig zwischen die Zähne klemmte. Darauf wurde sein Gesicht aschfarben und fahl, und nach und nach trat ihm ein kalter Schweiss auf die Stirne. Man hätte glauben sollen, es habe ihn ein heftiger Krampf befallen, der sein Herz stille stehen liess und seine