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überlästig zu werden."

Bei diesen Worten hatte er sich mit dem rücken gegen das Kamin gestellt; vor ihm sass Auguste, zu deren Füssen der kleine Papierknäuel lag. Er hätte ihn mit der Spitze seines Stocks erreichen können.

In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und meldete eine Frau von B., welche der Präsidentin aufzuwarten wünsche.

"Ah! jetzt muss doch geschieden sein," sagte seufzend Herr von Brand und schlug die Augen nieder, um sie gleich darauf mit einem unaussprechlichen Ausdruck zu Auguste zu erheben. – Er musste jenes Papier mit sich fortnehmen, mochte es kosten was es wolle, ja er war schon im Begriff, als letztes Mittel sich ohne Weiteres darnach zu bücken und es aufzuheben, als Auguste bei einer kleinen Wendung des Fauteuils ihren zierlichen Fuss darauf setzte.

Die Präsidentin war rasch aufgestanden, um den neuen Besuch zu empfangen, und sagte zu ihrem gast: "Bleiben Sie ja, Baron, bleiben Sie ohne Umstände, ich kann die Damen im Nebenzimmer empfangen, wenn du es nicht vielleicht vorziehst, Auguste, unserem Freunde im Kabinete deine Zeichnungen und Blumen zu zeigen."

Nun würde der Baron zu jeder andern Zeit sich Nichts daraus gemacht haben, die Zeichnungen und Blumen anzuschauen; aber wenn er in diesem Augenblicke den Salon verliess, so war jenes Papier, jetzt unter dem fuss des jungen Mädchens, für ihn verloren, wesshalb er um jeden Preis bleiben musste. – "Wenn mir fräulein Auguste erlaubt," sagte er so herzlich und verbindlich als möglich, "und mich für würdig hält, ihre herrlichen Zeichnungen und Blumen zu sehen, so werde ich mir dafür morgen eine eigene Stunde ausbitten. – Sie sehen, wie unbescheiden ich bin, doppelt unbescheiden, da ich, trotzdem sich Ihnen ein neuer Besuch ansagt, doch noch zaudere, Ihren freundlichen Salon zu verlassen. – Aber ich muss wohl." Dies letzte Wort begleitete er mit einem tiefen Seufzer und warf dabei einen solch schwermütigen blick auf das junge Mädchen, dass dieses ordentlich zusammen schrak und ihre Augen auf den Boden herabsenkte.

Die Präsidentin dagegen lächelte äusserst freundlich bei diesen Worten und verliess den Salon, indem sie eifrig sprach: "Ich versichere Sie, Baron, Sie erzeigen mir eine wahre Freundschaft, wenn Sie noch einige Zeit bei uns verweilen; der Besuch daneben wird mich nicht lange aufhalten, ich werde gleich wieder da sein."

Nachdem sich die tür hinter der Präsidentin geschlossen, warf Herr von Brand einen forschenden blick im Zimmer umher; und er tat das auf so auffallende Weise, damit Auguste sehe, er schaue nur um sich, um zu erfahren, ob sie auch wirklich recht allein seien. Dabei dachte er: "Ich habe vielleicht zehn Minuten Zeit, bis Madame zurückkehrt, während derselben muss ich ohne aufsehen das Papier erobern, koste es mich selbst eine Liebeserklärung." – Er verliess seinen Platz, setzte sich in den Fauteuil des Papa's und brachte denselben durch eine geschickte Wendung in die Nähe des Kamins, dem Augustens dicht gegenüber.

In dem Gespräch entstand eine kleine verlegene Pause, welche übrigens der Baron dazu benützte, dem jungen Mädchen schwärmerisch in die Augen zu blikken.

Sie errötete leicht und griff ein Gespräch gewaltsam wieder auf.

"Sie erwähnten vorhin einer Wette," sagte sie, "ich glaube, es betraf die Farbe der Camelie, welche Mama bei der letzten Soirée in ihrem Haare trug. Sie haben auf Weiss gewettet, Graf Fohrbach auf Rosa; er hat gewonnen: Mama trug allerdings eine Rosacamelie."

"O ich wusste das, fräulein Auguste," erwiderte er und spielte befangen mit dem Knopfe seines Stockes; "ich wusste ganz genau, wer in dem schönen blonden Haar eine weisse Camelie trug. – Ich muss es Ihnen gestehenes war in dem Augenblick nur der Wunsch, ja das Bedürfniss meines Herzens, von Ihrem haus, von Ihrer Mutter, vonIhnen ohne Verdächtigung reden zu können, was mich veranlasst, jene Wette einzugehen. – S i e , fräulein Auguste, trugen eine weisse Camelie. Wie könnte ich so etwas vergessen!"

"Es ist wahr," entgegnete das Mädchen, indem sie die Augen niederschlug, "ich trug eine solche Blume."

"Und während der letzten Française entfiel derselben ein einziges kleines Blättchen," fuhr der Baron inniger fort, "das ichniederfallen sah," verbesserte er seine Rede, welche dem Blicke nach, von welchem sie begleitet war, hätte heissen müssen: "das ich aufhob und nun, obgleich verwelkt, auf meinem Herzen verwahre."

Auguste hatte übrigens diesen blick verstanden und seine Rede richtig ergänzt, denn als sie nun scheu und errötend zu ihm aufblickte, wurde ihre Brust offenbar von einem kleinen, aber süssen Seufzer geschwellt.

"So angenehm jener Ball Anfangs für mich war," sagte der Baron nach einer kleinen Pause, "so fühlte ich mich doch im Verlauf desselbenich kann es nicht läugnenauf's Schmerzlichste berührt. War es mir doch nur möglich, von Ihnen, teuerstes fräulein, zwei Walzer, eine Française und eine Mazurka zu erhalten; ach! und ich hatte gehofft, so den ganzen Abend mit Ihnen dahinzufliegen! – Gewiss, Auguste, ich habe da schreckliche Stunden verlebt, und Sie fühlten das nicht einmal. Sie sahen es nicht, wie ich in einer Ecke des Salons stand, wie Ihnen meine Augen folgten, während