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, wenn sein Bedienter so plötzlich verschwunden wäre; es hätte seiner traurigen Phantasie von Räubern und Mördern neue Nahrung gegeben."

"Das war auch meine idee," erwiderte der Präsident, "wesshalb ich glaube, Alles auf's Beste arrangirt zu haben. Hier ist das Papier, lesen Sie, Baron! kommt der Bursche morgen wieder, so wollen wir ihm allerdings etwas genauer auf den Zahn fühlen, und sollten wir darauf hin uns weiter mit ihm einlassen, so wäre es nur, dass er neue und glaubwürdige Angaben machte."

"Woran ich sehr zweifle," antwortete der Baron, während er mit gleichgiltiger Miene das Papier in die Hand nahm. Doch zuckten seine Finger fast unmerklich, als er es nun öffnete. – "Ja, ja," sagte er, "das ist die ungebildete Handschrift eines Bedienten, und die Adresse auf's Genaueste angegeben, auch beigefügt, auf welche Art man ihn benachrichtigen könne, ohne dass sein Herr Etwas merkt. In der Tat, ich fürchte auch, der Verstand dieses Burschen hat einigermassen not gelitten."

"Lassen Sie das Papier sehen", sagte die Präsidentin und streckte die Hand darnach aus.

Der Baron reichte es ihr auf die graziöseste Art, doch folgte sein blitzendes Auge scharf beobachtend allen ihren Bewegungen und seine Zähne pressten sich unwillkürlich aufeinander, als sie das Papier, nachdem sie es gelesen, zusammen knitterte und Miene machte, es in den lodernden Kamin zu werfen.

Der geneigte Leser muss schon unseren Worten glauben, dass dies ein qualvoller Moment für den Herrn von Brand war. Obgleich sein Gesicht die grösste Gleichgiltigkeit affektirte, so wagte er doch kaum zu atmen und fühlte sich in die grösste Spannung versetzt; glücklicherweise aber hielt Auguste die Hand ihrer Mutter auf, entnahm ihr das Papier und faltete es langsam auseinander, um es ebenfalls zu lesen. Hiebei durfte der Baron ungezwungen ihre kleinen weissen hände betrachten, die das unglückselige Blatt hielten, sowie dem Lauf ihrer Augen folgen, welche die harten Schriftzüge durchliefen. Nachdem sie gelesen, knitterte sie das Papier ebenfalls zusammen, warf es aber nicht in den Kamin, sondern liess es achtungslos neben sich auf den Teppich fallen.

Der Baron blickte mit gierigem Auge darauf hin, indem er mit sehnsucht auf eine glückliche gelegenheit lauerte, den kleinen Knäuel an sich zu bringen. Doch liess sich dies nicht leicht ohne aufsehen tun, er hätte zwischen Vater und Mutter hindurch schlüpfen oder es sich noch einmal zur Ansicht reichen lassen müssen; und dies gab seine Klugheit nicht zu.

Unterdessen hatte sich auch sein Besuch über die gewöhnliche Zeit ausgedehnt und er musste fürchten, dem Präsidenten beschwerlich zu fallen. Indessen half ihm sein gutes Glück über diese Klippe hinweg.

"Sie werden mir verzeihen," sagte nämlich der alte Herr, "dass ich Sie verlassen muss, aber meine Geschäfte rufen mich in die Kanzlei. Es ist meine Stunde, wo ich den Rapport der verschiedenen PolizeiKommissäre empfange; bleiben Sie aber ruhig bei den Damen. Ich glaube nicht, dass ihr etwas Besonderes vorhabt." – Dabei sah der Chef der Polizei seine Frau an, und der Baron warf auf Auguste einen der glühendsten Blicke, den er aufwenden konnte, worauf Beide wie aus einem mund sagten, dass sie sich ausserordentlich geschmeichelt fühlten, wenn der liebenswürdige Freund des Hauses sie noch einige Zeit so vortrefflich unterhalten wolle wie bisher.

Der Präsident erhob sich ernst und würdevoll, seine Finger glitten von der Nase herab, als er seine Hand dem Baron zum Abschied reichte.

Dieser sprang elastisch in die Höhe, versicherte, er verdanke dem Präsidenten eine angenehme Morgenstunde, werde aber nächstens um dieselbe Zeit wieder kommen, – "wenn es mir nämlich," setzte er hinzu, "einmal erlaubt wäre, höchst indiskret zu sein."

Der Präsident sah ihn fragend an.

"Es ist kindisch, was ich da sage," fuhr der Baron lachend fort. "Aber es würde mich auf's Höchste interessiren, wenn es mir vergönnt wäre, einmal so einem Polizeirapporte beizuwohnen. Da müssen doch ganz merkwürdige und seltsame Dinge zu Tage kommen."

"Gewiss," versetzte der Chef der Polizei, "dieser Rapport ist zuweilen sehr interessant; man könnte ganze Romane daraus zusammen stellen. Wenn Sie in der Tat einmal anwohnen wollen, so soll es mir ein grosses Vergnügen machen. – Ich werde Sie alsdann den Beamten," setzte er lächelnd hinzu, "als einen neuen geheimen Sekretär vorstellen."

"Zu viel Ehre und Glück für mich, Herr Präsident," erwiderte der Baron. Doch wenn er auch die Worte an den Papa richtete, so sah er doch dabei die Tochter mit einem innigen Blicke an. – "Aber ich halte Sie beim Wort; nächstens wird sich Ihr geheimer Sekretär bei Ihnen melden."

"Abgemacht!" sprach der Präsident mit freundlicher Geberde, aber einem ziemlich steifen Kopfnicken und verliess dann den Salon.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Papier und Schlüssel.

Der Baron war eine kleine Weile neben seinem Fauteuil stehen geblieben, nun aber wandte er sich geschickt gegen die Kaminecke, wobei er zur Präsidentin gewendet sagte: "Ich weiss wahrhaftig nicht, gnädige Frau, wie es kommt, aber wenn ich einmal in Ihrem haus bin, so wird es mir schwer, dasselbe zu verlassen; es ist hier Alles so zutunlich, so heimlich, – gewiss, ich darf nur selten kommen, denn sonst müsste ich befürchten, Ihnen