" fragte sehr aufmerksam der Präsident.
"Vollkommen; in seiner Phantasie existirte eine ganze wohlorganisirte Räuberbande, die sollte ihren Sitz – ich weiss nicht mehr wo – haben, und von der fabelte er mir ein Langes und Breites vor."
"Ganz dieselbe geschichte," sagte der Präsident, wobei er seinem Riechwerkzeuge mehrere zärtliche Nasenstieber gab.
"Ich musste ihn entlassen," fuhr Herr von Brand fort, ohne, wie es schien, auf jene Worte zu achten. "Er hätte mir die ganze Dienerschaft angesteckt, ja es war das ganz eigentümlich, bei diesem Menschen complet zur fixen idee geworden. Wenn er mit dem Wagen vor irgend einem Laden hielt, so konnte er mir sagen, während er den Schlag öffnete: Sehen Sie, Herr Baron, hier oder dort das schlechte Gesicht; der gehört auch mit dazu."
"Und liessen Sie sich von ihm nie einen Ort nennen, von dem er glaubte, dort könne die Räuberbande ihren Sitz haben?"
"O ja! – Und darin hatte er eine lebhafte Phantasie; da nannte er mir scheinbar verdächtig aussehende Orte und Winkel, irgend ein einsames Haus in einem stillen Stadtviertel, oder eine halb verfallene Schenke vor den Toren. Ich weiss das nicht mehr so genau; ich habe die Details vergessen."
Der Polizeipräsident streckte sich würdevoll in die Höhe, schaute einen Augenblick an die Decke, dann sagte er: "Ja, es ist kein Zweifel: ganz dieselbe confuse geschichte. – Aber es ist doch höchst merkwürdig."
Der Baron schien die Worte des Papa's gar nicht zu beachten, sondern beschäftigte sich häufig mit der Tochter, deren Sitz er durch allerhand kleine Manöver mit seinem Fauteuil Zoll um Zoll näher rückte. Bald liess er einen Handschuh fallen, und um ihn zu erreichen, musste er seinen kleinen Lehnstuhl ein wenig vorrollen, bald suchte er während des Sprechens ein Gemälde an der Wand aufmerksam zu betrachten, und um das tun zu können, brauchte er nur eine für seine Zwecke entschieden günstige Bewegung zu machen.
"Es scheint wohl heute einmal der Tag der Geschichten zu sein," sagte neugierig die Präsidentin zu ihrem Gemahl. "Was ist denn das, worauf du anspielst?"
"Dasselbe, was der Baron soeben erzählte," erwiderte der Beamte, indem er das Papier, welches er vorhin aus der Rocktasche genommen, langsam entfaltete. "Wie schon gesagt, da kommt heute Morgen ein Bedienter zu meinem Sekretär auf die Kanzlei –"
"Ah! der in der Livrée: dunkelgrün, amarant ausgeputzt mit gelben Knöpfen! – Ich vergesse so was nicht: aber Sie müssen mir zu meiner Entschuldigung eingestehen, dass sie der des Grafen Fohrbach auffallend ähnlich sieht. – – Doch verzeihen Sie, Herr Präsident," unterbrach der Baron sich selbst, "tausendmal bitte ich um Entschuldigung; – Sie wollten eine Mitteilung machen?"
"Allerdings; dieser Bediente also lässt sich bei meinem Sekretär melden, tut anfänglich sehr verlegen und spricht endlich von einer weitverzweigten Räuberbande in hiesiger Stadt."
"Der Bediente des Herrn A.?" rief lachend der Baron. "Sehen Sie, meine Damen, das ist also in dem haus noch immer dieselbe Wirtschaft, – eine wahre Manie."
"Ich muss gestehen", fuhr der Präsident fort, "dass sowohl mir wie meinem Sekretär diese Angabe eigentlich komisch erschien. – In hiesiger Residenz, wo wir die Zügel des Gesetzes mit Kraft und Umsicht führen, sollte sich eine Bande wohl organisirt und fast unsichtbar aufhalten können! – Lächerlich! – Aber dieser Mensch beharrte so fest und entschieden auf seiner Angabe, wollte uns so genaue Beweise vorlegen, ja machte sich anheischig, uns das Haupt jener Spitzbubenbande in die hände zu spielen, dass es uns ordentlich stutzig machte."
"Sehen Sie diese Phantasien!" rief lachend der Baron. "Ja wahrhaftig, man sollte diesem Herrn A. alle Dienerschaft verbieten; er macht aus den armen Teufeln complette Narren."
"Ja, ich glaube auch, dass es diesem Kerl nicht recht im kopf war; er verlangte zweitausend Gulden und dann wollte er uns den Ort, die Zeit der Zusammenkünfte, Alles auf's Bestimmteste angeben; natürlich habe ich darüber nicht zu verfügen, und müsste zuerst an die vorgesetzte Behörde berichten."
"Was du aber jetzt nicht tun wirst," sprach ziemlich entrüstet die Präsidentin; "man könnte ja in die Gefahr kommen, sich vollkommen ridicul zu machen."
Der Präsident zuckte mit den Achseln. "Es wäre wahrhaftig geschehen," sagte er, "ohne die interessanten Mitteilungen des vortrefflichen baron; ich war eigentlich von Anfang nicht dafür; die Sache zu beachten, aber mein Sekretär meinte das Gegenteil."
"Ueberflüssiger Diensteifer der Subalternen!" sprach wegwerfend die Präsidentin.
Der Baron zuckte beistimmend mit den Achseln.
"Er wollte ihn sogar da behalten," fuhr der Chef der Polizei fort, "ich aber, der die Lächerlichkeit dieser Angabe halb und halb durchschaute, begnügte mich damit, ihn seinen Namen und Wohnort auf dies Papier schreiben zu lassen und schickte ihn seiner Wege, wobei ich ihm anbefahl, er solle morgen wieder kommen."
"Ohne mich im Geringsten in den gang Ihrer Geschäfte mischen zu wollen," sagte der Baron mit einer ehrerbietigen Handbewegung, "muss ich mir doch erlauben, Ihrer Handlungsweise vollkommen beizupflichten. Es würde den alten Mann draussen unsäglich alterirt haben