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der Chef der Polizei mit einiger Entrüstung, "es versteht sich von selbst, dass die Freveltaten geschehen waren; und das war an sich sehr gut, denn die Polizei muss doch, was das Einfangen anbelangt, in der Uebung bleiben." Und bei diesen Worten ergriff er abermals seine unglückliche Nase und zog sie tief herab, wobei seine Augen so vergnüglich glänzten, als habe er eben einen Kapitalverbrecher eingefangen. "Ich denke darin wie jener berühmte englische Staatsmann, der, wie Sie wissen, sagte: wenn es im Parlament keine Opposition gäbe, so würde ich mir eine kaufen. – Und wenn es bei uns keine Diebe und Mörder gäbe, so würde ich mir à tout prix welche anschaffen, denn sie sind der Schleifstein, auf welchem der Eifer der Beamten, um mich richterlich auszudrücken, stets scharf und blank erhalten wird."

"Ah, Papa, das sind ja schreckliche Grundsätze!" meinte Auguste, während sie den Baron von der Seite anblickte.

Dieser erwiderte lächelnd: "O, seien Sie unbesorgt, mein fräulein, vorderhand braucht Papa dergleichen nicht zu kaufen, es gibt noch genug davon im land, und ist auch noch nicht Alles entdeckt, das kann ich Sie versichern; die Polizei hat immer und vollauf zu tun; nicht wahr, Herr Präsident?"

Dieser nickte ernst und bedeutsam mit dem kopf, worauf seine Gemahlin sagte: "Aber mit euren Räuber- und Mordgeschichten erfahren wir nimmermehr, welche Art von Original der Herr A. ist! – Baron, seien Sie so artig und erzählen Sie uns das."

Der Herr von Brand hatte unterdessen durch verschiedene brennende Blicke mit der Tochter des Hauses scharf geplänkelt, und sein Feuer war lebhaft erwidert worden, ja er hatte schon eine kleine Pantomime riskirt, indem er seine rechte Hand sanft auf die Stelle des Herzens legte, worauf sie die Augen niederschlug, fast ein klein wenig errötete und einen stillen Seufzer mühsam unterdrückte. Man sah das an der heftigen und dann plötzlich unterbrochenen Hebung ihres Busens.

"Ja so!" erwiderte der Baron auf die Frage der Präsidentin, indem er plötzlich aus einem tiefen Traume aufzuwachen schien, "ja so, – richtigvom Herrn A., Räubergeschichten glaube ich. – Ah! Das hätte ich beinahe rein vergessen."

"Nein, keine Räubergeschichten, bester Baron," sagte die Präsidentin mit einem zweifelhaften Lächeln, "Sie wollten von den Seltenheiten dieses Herrn erzählen."

"Ja, darin kommen auch Räubergeschichten vor," erwiderte der Baron mit einer graziösen Verbeugung.

"Ei der Tausend!" sprach aufmerksam der Präsident und liess seine Nase wieder so hastig los, dass sie augenblicklich empor schnellte und zu schnüffeln anfing, als wittere sie arme Sünder.

"Räuber und Mörder," fuhr Herr von Brand fort, "abernur in der Phantasie. Stellen Sie sich nämlich vor, meine Damen, dieser Herr A., ein reicher Kapitalist, kann nun einmal von der idee nicht loskommen, man laure ihm den ganzen Tag auf, man wolle ihn um's Leben bringen, man wolle sein Geld rauben. Auf jedem Schritte fürchtet er Räuber und Mörder; desshalb ist sein Haus mit Graben und Mauer umgeben und desshalb hat dieser arme Mann bei Tag und Nacht keine ruhige Minute, er vertraut Niemand den Schlüssel zum Hof- und Haustor an; so oft es klingelt, öffnet er selbst, und sowie es anfängt dunkel zu werden, bewaffnet er sich und seine Bedienten und macht dreibis viermal des Nachts eine förmliche Patrouille durch das ganze Gebäude. Er hat alsdann einen Säbel umgeschnallt, ein paar Pistolen im Gürtel stecken; sein Bedienter trägt ein Gewehr sowie eine Laterne an einer langen Stange, und so ziehen sie denn vom Keller bis hinauf auf den Söller und untersuchen jeden finsteren Winkel, jeden Riegel, jedes Schloss."

"Ja, ja, – so, so," machte lächelnd der Präsident; "ich glaube, mir geht ein Licht auf."

"Es ist auffallend," fuhr der Baron in gleichmütigem Tone fort, "wie eine solche Furcht vor Räubern und Mördern ansteckt."

"Doch Sie nicht?" fragte die Präsidentin.

"O meine gnädige Frau, ich für meine person wäre beinahe zur Furchtsamkeit geneigt, aber ich kenne das Schalten und Treiben unserer vortrefflichen Polizei und bin desshalb äusserst ruhig. – Aber nein, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ein solches Beispiel der Furchtsamkeit auf sehr merkwürdige Art schwache Charaktere mit ergreifen kann. Als ich nämlich vor zwei Jahren hier war, bekam ich zufällig einen Bedienten, den jener Herr A. entlassen; es war dies ein ganz brauchbarer und tüchtiger Mensch, bis auf seine Furcht vor Räubern und Mördern. Darin hatte ihn das Beispiel seines früheren Herrn so verdorben, dass ich fast einen andern Burschen gebraucht hätte, um jenem bei Tag und Nacht Gesellschaft leisten zu lassen. Sobald es dunkel wurde, scheute er sich, allein über Korridore und Treppen zu gehen. Da er aber, wie gesagt, sonst ein ordentlicher Mensch war, so nahm ich ihn über diese Lächerlichkeiten vor und versuchte es, sie ihm auszureden. – Umsonst! Sein früherer Herr hatte die Phantasie des Burschen systematisch mit Räubergeschichten vollgepfropft, wie man einen Kettenhund, um ihn schärfer zu machen, dadurch reizt, dass man von aussen an's Hoftor oder an seine Hütte schlägt."

"Und er glaubte an diese Räubergeschichten?