1854_Hacklnder_152_90.txt

jetziger Besuch, gnädige Frau, ist nicht ganz ohne Grund. Denken Sie sich, wir waren gestern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte Soirée. Natürlicherweise sprachen wir über elegante Toiletten, und darauf behauptete ich, Sie, gnädigste Frau, seien damals in einer veilchenblauen Atlasrobe mit weissen Camelien im Haar erschienen; Graf Fohrbach stritt für eine von Rosafarbe, und ich muss gestehen," setzte er fast beschämt hinzu, "dass wir darüber eine kleine Wette eingingen. – Nun war ich vorhin drüben in dem Kaffeehause –"

"Gegenüber unserem haus?" fragte Auguste lächelnd, und wir glauben, dass sie ein wenig errötete.

"Ja, mein fräulein," erwiderte der Baron, indem er abermals die Augen niederschlug, "IhrenFenstern gegenüber."

Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf.

Nachdem sich der Baron einigermassen erholt, nahm er seine Rede wieder auf und lispelte: "Ich war also in dem Kaffeehause. – Ich bin oft dort. – Heute aber erwartete ich mit Ungeduld die schickliche Stunde, um Ihnen meine Aufwartung machen zu können und Ihr Urteil, unsere Wette betreffend, zu vernehmen. Da sah ich denn, dass mir Graf Fohrbach leider schon zuvorgekommen."

"Graf Fohrbach?" fragte verwundert die Präsidentin. "Ich weiss Nichts von ihm; du auch wohl nicht, Auguste?" wandte sie sich an ihre Tochter.

"Er war nicht hier," versicherte diese bestimmt.

"Nicht in person," sagte der Baron, setzte aber mit einem fast schmerzlichen Lächeln hinzu: "doch ich bin vielleicht indiskret. – Nein, nein, ich kann mich nicht irren, ich erkannte deutlich die Livrée des Grafen, der wahrscheinlich schriftlich um Ihre Entscheidung bat."

"Teuerster Baron, da haben Sie falsch gesehen," lachte die Präsidentin. "Wir Beide wissen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach," setzte sie hinzu, nachdem sie ihre Tochter mit einem Blicke befragt.

"Es gibt allerdings Momente, wo man trüber als gewöhnlich sieht, zum Beispiel, wenn man zu lange in ein helles Licht geschaut," versetzte der Baron mit Beziehung und in einem schwärmerischen Tone, "aber diesmal irre ich mich nicht: es war einer der Leute des Grafen, der ungefähr vor einer halben Stunde in Ihr Haus trat. Oh! ich habe die tür genau beobachtet."

"Vielleicht hat der Graf an Papa geschrieben," meinte Auguste mit einem kalten blick auf das Nebenzimmer.

"Ich glaube nicht," sagte die Präsidentin; "und wenn auch, doch gewiss nicht in Ihrer Angelegenheit."

"Es wäre mir aber sehr interessant," erwiderte der Baron, "das genau zu erfahren. Sie wissen, gnädigste Frau, wenn man einmal eine Wette eingegangen hat, so überwacht man gern alle Schritte seines Gegners, selbst die unschuldigsten."

"Leichtsinnige junge Leute!" rief die Präsidentin, indem sie schalkhaft mit dem Finger drohte. – "Wetten da auf die Camelien, die ich im Haar trage," setzte sie sehr geschmeichelt hinzu.

"Wenn Sie wünschen, will ich Papa fragen," sagte Auguste.

"Ja, ja," meinte auch die Präsidentin, "das kann ja gleich geschehen. Lass dem Präsidenten sagen, der Herr Baron von Brand sei da; er wird sich gewiss ein grosses Vergnügen daraus machen, auf einen Augenblick herüber zu kommen."

"Aber wir stören ihn in seinen wichtigsten Amtsgeschäften," sprach der Baron.

Worauf die Präsidentin sich verbeugend erwiderte: "Für einen Freund des Hauses hat mein Mann immer eine Viertelstunde übrig."

Auguste ging hinaus, um den Papa zu benachrichtigen, und der Polizei-Präsident machte dem Worte seiner Gemahlin alle Ehre, denn er erschien fast augenblicklich, rieb sich vergnügt die hände, und freute sich auf's Ausserordentlichste, den angenehmen Besuch begrüssen zu dürfen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Räubergeschichten.

Der Polizei-Präsident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernsten, dürren gesicht, grauen stechenden Augen und einer langen Nase, mit welcher er sich übrigens viel zu tun machte. Er fasste sie häufig, zog sie bald rechts und bald links, und boshafte Spötter behaupteten, er steure damit seinen ganzen Körper, indem er zuerst immer die Nase gewaltsam in die Richtung brächte, welche er einschlagen wollte. So viel war übrigens gewiss, dass er seine Richtung oft veränderte; stand dieser würdige Beamte aber einmal stille, so drückte er sanft an seiner Nase herum, als wolle er sie sich für künftige Dienste freundlichst geneigt erhalten.

Der Baron war aufgesprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes, ehrerbietiges Kompliment, dann folgte ein freundschaftlicher Händedruck, dann die Bitte, sich gnädigst niederlassen zu wollen, mit dem Versprechen, es ebenso zu machen, worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurücksanken, der Präsident steif, in aufrechter Haltung, nachdem er zuvor seine Nase sanft befühlt, der Baron elegant, graziös, dabei schlaff und zusammengesunken: jeder Zoll ein vollkommener Roué.

"Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen," sagte er mit niedergeschlagenen Augen, "den Sie, Herr Präsident, allein im stand sind zu schlichten."

"Der Baron behauptet nämlich," ergriff die Präsidentin lachend das Wort, "der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geschrieben; es betrifft eine Wette, die dich übrigens nicht interessirt. Wir versicherten den Baron