. Der Herzog, ein gutmütiger Kerl, – so scheint er wenigstens im ersten Aufzug, obgleich der emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche Vorzeichen sind, dass später einiges Zähneknirschen und Augenverdrehen stattfinden wird, – der Herzog also kommt, wie es in Balleten meistens der Fall ist, unglücklicher Weise in dem Augenblick zu seiner Braut, wo deren eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Astolfo, ebenfalls bei ihr ist. Das gibt eine furchtbare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet dann mit einem fürchterlichen blick, fast ohne die Füsse zu bewegen, bis auf die andere Seite der Bühne. Ritter Astolfo zieht sein Schwert; einige zwanzig Tänzerinnen, die Begleitung der Braut, schaudern im Chor, die Cavaliere des Herzogs schlagen ein Pantomimisches Hohngelächter auf, und die Braut reisst sich endlich aus ihrer Erstarrung in die Höhe, fasst ihren verzweifelnden Liebhaber an der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux, worin sie ihm deutlich zu verstehen gibt, hier, Astolfo, sei ihr Jugendfreund und schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden, sie könne und werde ihn nie verlassen, sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich, und werde eher sterben, als ihm angehören.
Diese Scene wurde, wie gesagt, nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht, worauf der erste Tänzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Corps de Ballet eine kleine Revue passiren liess. Er schaute nach, ob die Frisuren übereinstimmend mit der Vorschrift waren, ob die Schuhe in gutem Zustande, ob die Tricots fest und sorgfältig angezogen seien. Die meisten der jungen Damen liessen sich diese Untersuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tänzer, ein hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen, gerade nicht in's Detail einging. Andere, um geschwind fertig zu sein, drehten sich vor seinen Augen lachend mit einer Pirouette, um sich von allen Seiten zu präsentiren und machten darauf ein übermässiges Battiment, um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und sprangen dann in die Coulisse zurück. Einige der Tänzerinnen beantworteten die Aufforderung ihres Collegen, näher zu treten, mit einem unbeschreiblichen blick, drehten ihm ganz einfach den rücken oder liessen sich auch, die hände auf den Hüften, nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stören.
"Wo ist Mamsell Clara?" rief der Tänzer, nachdem er das Mädchen vergebens gesucht, obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand. – "Wo ist Demoiselle Clara?" wiederholte er mit lauter stimme. "Ich muss sie bitten, augenblicklich vorzutreten."
Diesem zweiten Ruf musste Folge geleistet werden, und das Mädchen trat, obgleich widerstrebend, aus die halbdunkle Bühne, in deren Mitte der lange Tänzer allein stand.
"Es ist doch sonderbar," sagte er mit einem hässlichen Lächeln, "dass man Sie immer zweimal rufen muss. – Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen besser," setzte er leise hinzu, "wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehör gäben."
"Was wollen Sie von mir?" fragte die Tänzerin mit unsicherer stimme.
"O, für jetzt nicht viel," entgegnete ihr College. "Sie tanzen in der vordersten Reihe, Sie tanzen zu sechs mit mir, ich möchte nach Ihrem Anzuge sehen; dann könnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren."
"Mein Anzug ist in Ordnung," versetzte das Mädchen, indem es einen Schritt zurücktrat.
"Ihre Schuhe nicht zu weit?"
"Ein wenig, aber ich habe sie eingenäht."
"Ihre Tricots fest angezogen? Ich will keine Falten bemerken. – Lassen Sie sehen."
Das Mädchen rührte sich nicht. Doch wenn es auf der Bühne nicht so dunkel gewesen wäre, hätte man deutlich bemerken können, wie selbst unter der Schminke eine glühende Röte ihr Gesicht überfuhr.
"Seien Sie nicht kindisch," sagte der Tänzer, "und lassen Sie sehen. Sie wissen, Clara, dass ich mit mir nicht spassen lasse und dass Sie auf eine Zulage nächsten monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwährend wegen Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen muss. – Nun!"
Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu tausend Falten zusammen, dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch, so dass ihr Knie sichtbar wurde.
Der Tänzer wollte sich genauer überzeugen, doch trat Demoiselle Clara abermals einen Schritt zurück.
"Sie sind ein kindisches Mädchen," sprach der Vorgesetzte: "Sie werden noch viel lernen müssen oder Sie bringen es zu gar nichts. – Sind Sie nicht zu fest geschnürt?"
"Ich schnüre mich nie fest," entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte sich entfernen.
Der erste Tänzer aber fasste ihren Arm und hielt sie fest. "Ich glaube," sagte er mit leiser stimme, "die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner Aufmerksamkeit; für Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts Passendes in der Garderobe; man müsste Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen. Und wenn Sie wollen, Clara –"
Das Mädchen versuchte ihre Hand zwischen den feuchten Fingern des dürren Tänzers hervorzuziehen; es durchschauerte sie eisig. Doch hielt er sie fest.
"Es scheint mir," fuhr er stockend fort, während er sich auf sie herabbeugte, "die Garderobière will Ihnen nicht wohl; sie gibt Ihnen immer alte zu stark wattirte Leibchen. – Ah! ich muss das untersuchen! – –"
Doch wurde