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man einen Wagen vorfahren, und als der Bediente die Meldung davon brachte, hatte sich der Baron bereits umgekleidet. Er trug einen eleganten einfachen Morgenanzug, liess von dem Kammerdiener ein rotes Band in das Knopfloch befestigen, zog einen leichten Paletot an, und eilte ebenso geschwind die Treppen hinab, wie er hinaufgestiegen war.

"Nach der Polizeidirektion!" rief er dem Kutscher zu; das leichte Coupé flog davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebäude.

Von dem Gesicht des baron war unterdessen jede Wolke verschwunden, und ein heiterer Sonnenschein lächelte aus allen seinen Zügen. Er schritt leicht und gewandt die breite Treppe hinauf, die sich oben teilte und links zu den Kanzleien, rechts zu der wohnung des Präsidenten führte. Die letztere Richtung nahm der Baron, und bei der grossen Glastüre angekommen, zog er ziemlich stark an der Klingel. Ein Bedienter, welcher öffnete, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein liess, er werde der gnädigen Frau augenblicklich den Besuch des Herrn Baron melden, und er zweifle auch nicht, dass die gnädige Frau sichtbar sei.

Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die er dazu anwandte, sich vor das Bild einer ziemlich hübschen und sehr wohlbeleibten Frau zu stellen, und dort wie in Entzücken versunken stehen zu bleiben. Endlich hörte er eine tür öffnen und fuhr mit einem halberschreckten: "Ah!" herum, als er das Original dieses Bildes erblickte, welches sanft lächelte, da es seine Verwirrung bemerkte.

Dieses Original, die Gemahlin des Polizei-Präsidenten, war nicht mehr ganz so hübsch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte ihr sanftes Lächeln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden Händen haltend, verbindlichst näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde, bei dessen Anschauung man ihn ertappt hatte, ausrief: "Ah! gnädigste Frau, so oft ich eben das Bild betrachte, hasse ich unsern Künstler immer mehr; – was hätte er daraus machen können! – Ein so lohnendes Werk! – Doch schweigen wir von der Copie, da ich so glücklich bin, dem schönen Original die Hand küssen zu dürfen." Darauf führte er die dicken Finger der Präsidentin an seinen zierlich zusammengezogenen Mund und liess sich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die gnädige Frau dankbarlichst winkte.

"Sie werden gewiss erstaunt sein, dass ich Ihnen schon wieder lästig falle," sagte der Baron, nachdem er sich auf's Zierlichste gesetzt, mit einem süssen Lächeln; "aber es müssen schon vier Wochen sein, dass Sie die Gnade hatten, mich letztmals zu empfangen."

"Ei, Baron," entgegnete lächelnd die Präsidentin, "es sind noch nicht acht Tage."

"Unmöglich!" entgegnete er erstaunt. "Ich versichere Sie: volle vier Wochen."

"Es war vergangenen Donnerstag," beharrte sie freundlich lächelnd, "und heute haben wir Mittwoch, Da Sie meinen Worten nicht zu glauben scheinen, bester Baron, so will ich Auguste rufen lassen, die Ihnen gewiss genau sagen wird, wann Sie da waren."

Der Baron verstand die zarte Anspielung der Mutter, doch schien ihm offenbar dieses Glück zu gross. Er atmete tief auf, schlug die Augen nieder und betrachtete angelegentlich seine lederfarbenen Handschuhe.

Die Präsidentin klingelte, und da ihre Tochter Auguste ganz zufälligerweise selbst kam, um sich nach ihren Befehlen zu erkundigen, so konnte sie gleich da bleiben, was sie denn auch nicht ohne einige sehr gut an den Tag gelegte Verwirrung tat.

Auguste war ein hübsches blondes Mädchen von einigen zwanzig Jahren. – Als Mama ihre Entscheidung über den streitigen Fall von vorhin verlangte, schlug sie sanft die Augen nieder und sagte errötend: "Sie waren in der Tat am vergangenen Donnerstag hier, Herr Baron."

"Und ich dachte, es seien volle vier Wochen," entgegnete er. – "Wie ist mir die Zeit so lange geworden!" setzte er leiser hinzu, indem er der Mutter eine Sekunde in die Augen sah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die Tochter warf.

Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hübschen blauen Augen und wandte sich darauf scheinbar in Verlegenheit ab, doch manöverirte sie wie ein gut geführtes Kriegsschiff und lud nach dieser Bewegung ihre Geschütze zu einem neuen Angriff.

"So muss ich also doppelt um Verzeihung bitten," sagte eifrig der Baron, "dass ich Sie heute schon wieder belästige."

"Ihre Besuche sind uns jeder Zeit angenehm," versetzte die Mutter.

"Ah!" seufzte der Baron, indem er die Augen öffnete und schloss wie ein vollkommener Geck, "das ist in Ihrem mund nur ein freundliches Kompliment; aber ich zähle Stunden und Tage, bis mir wieder das Glück zu teil werden darf, mich nach Ihrer kostbaren Gesundheit erkundigen zu dürfen."

"Und verzählen sich?" sprach lächelnd Auguste.

"Doch ohne meine Schuld," antwortete der Baron und machte eine Bewegung, als wolle er die rechte Hand zierlich auf sein Herz legen und mit einem blick, der deutlich sagte: Kann ich dafür, dass entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen werden? –

Es entstand hier eine kleine liebliche Pause. Der Baron schien in tiefes Nachdenken versunken, aus dem er jetzt aber empor fuhr und hastig sagte: "Aber mein