keine Fehlbitte zu tun, da heute Ihr Herz gegen mich von Dankbarkeit erfüllt sein muss. Bedenken Sie, dass ich Ihnen einen vortrefflichen Jäger verschafft, und dass ich Sie mit meinem Talisman siegeln liess. Coeur de rose! Das sind keine Kleinigkeiten!"
"Sie wissen, bester Baron, dass ich mir auch ohne das ein Vergnügen daraus machen würde, Ihnen nützlich sein zu können. Wovon handelt es sich?"
"Ich komme mir ordentlich als Dienerschafts-Kommissionär vor," entgegnete gutmütig lachend Herr von Brand. "Ich habe, wie gesagt, den Jäger plazirt, jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben, für die ich eine gute Stelle suche, wo möglich im schloss. Es ist ein sehr braves und empfehlenswertes geschöpf."
"Ist sie jung und hübsch?"
"Ah! mein lieber Graf, Ihre Frage könnte mich beleidigen! Ich versichere Sie, ich sehe bloss auf die inneren Eigenschaften dieses Mädchens. Aber um tugendhafte Bedenken Ihrerseits zu beschwichtigen, versichere ich Sie, dass die erwähnte person gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hübsch ist, so – so wie ich glaube; aber sie kann einer Toilette assistiren wie keine und spricht französisch."
"Das wird sich machen lassen," meinte Graf Fohrbach, "und wenn Ihnen wirklich ein Gefallen damit geschieht, Baron, so können Sie Ihrer Empfohlenen sagen, sie sei schon so gut wie plazirt. Und Sie wünschen, dass sie in's Schloss kommt?"
"Gerade daran wäre mir etwas gelegen; – sie soll eine sehr brave person sein."
"Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon sprechen. Aber hier ist der Kastellplatz, wo ich Sie absetzen soll." – Er zog bei diesen Worten heftig an der Schnur, die zum Kutscher draussen führte, worauf der kleine Wagen fast augenblicklich stille hielt.
"Meinen doppelten Dank!" rief der Baron lachend, nachdem er ausgestiegen; "für die Kammerjungfer und die Fahrt."
"Und meinen gleichfalls," entgegnete der Graf, "für den Jäger und den Talisman."
Und der Wagen rollte davon.
Der Herr von Brand blieb an der Ecke des grossen Kastellplatzes stehen; es war dies, wie schon der Name besagt, ein weiter Raum in der Nähe eines alten Schlosses, in welchem sich Archive und Möbelmagazine befanden. Dies alte düstere Gebäude war mit Türmen flankirt, und hatte eine Menge ein- und ausspringender finsterer Winkel, von denen einige dazu dienten, das herabstürzende Regenwasser aufzufangen, wesshalb sich auf dem Boden derselben grosse zusammengekittete Steinplatten mit einer vergitterten Oeffnung versehen befanden, durch welche alle Feuchtigkeit ablief.
Heute Morgen, wo der Frost der letzten Tage von einem starken Tauwetter verdrängt worden war, wo es ziemlich heftig regnete und der Schnee auf den Dächern mit ausserordentlicher Geschwindigkeit schmolz, stürzte das wasser in kleinen Fällen aus den seltsam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab, um alsdann durch die erwähnte Oeffnung sprudelnd und schäumend unter der Erde zu verschwinden.
Der Baron schritt um das alte Kastell herum bis zur hinteren Seite, wo sich zwischen einem Turme und einem riesenhaften Kamin der dunkelste dieser Winkel befand. Hier öffnete er behutsam Paletot und Rock, nahm das uns bekannte Petschaft aus letzterem heraus und liess es auf den Steinboden niederfallen, so dass es alsbald von der Flut des Regen- und Schneewassers in den Schooss der Erde hinabgeschwemmt wurde. Darauf lächelte er eigentümlich, knöpfte Rock und Paletot wieder zu, schob die hände in die Taschen und verschwand in einer engen Strasse, die auf den Kastellplatz mündete.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Auf der Polizeidirektion.
Der Baron hatte sich eine seltsame Tournure angewöhnt; er ging nämlich, wenn er allein über die Strassen schritt, scheinbar in Gedanken vertieft, den Kopf etwas vornüber gebeugt, die Augen vor sich auf die Fussspitzen geheftet. Wir sagen, er sah nur scheinbar so achtungslos aus, denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles, was ihm begegnete, und wenn er hie und da sein Auge leicht aufschlug und um sich schaute, so fasste er in einer Sekunde die Häuser der beiden Seiten auf und wusste ganz genau, ob Jemand im zweiten, dritten oder vierten Stock am Fenster gewesen.
Seine Freunde spotteten darüber und sagten ihm lachend, er kokettire mit seinem tiefen Nachdenken, mit seinem gänzlichen Unbeachtetlassen der ganzen übrigen Welt, – wenn aber an einer Strassenecke, sei es auch auf Tausend Schritte Entfernung, der lumpigste Junge seine Mütze schwenke, so sehe er das augenblicklich, halte es für eine Begrüssung und lüpfe respektvollst den Hut.
Dass der Baron gerne grüsste, das leugnete er selbst nicht. – – "Was wollt ihr!" sagte er, "ich bin einmal ein Mensch, der, das weiss ich ganz genau, keine glänzenden Eigenschaften, keine überraschenden Talente entwickeln kann; um aber nun Etwas zu haben, das mich vielleicht vor vielen andern Menschen auszeichnet, so befleissige ich mich einer musterhaften Höflichkeit und besitze eine ausserordentliche Artigkeit." – "Und ein eigens für Sie erfundenes Parfum," hatten die Freunde lachend hinzugesetzt. – Worauf der Baron sehr wichtig erwiderte: "Das ist wahr – coeur de rose."
So ging er denn auch am heutigen Tage sinnend dahin, liess den Kastellplatz hinter sich, sah fast immer auf den Boden und warf nur hie und da einen blick auf die Vorübergehenden und auf die Häuser zu beiden Seiten. Er durchschritt mehrere Strassen, wandte sich rechts