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es in die tasche seines Rocks und ging dann ebenso leise wie er gekommen, zu seinem stuhl zurück, auf welchen er sich wieder setzte. Nun nahm er abermals die Zeitung in die Hand, wandte den Kopf, wie vorhin beschrieben, rechts und links, um alle Ecken des Salons zu besichtigen und dann nahm sein Gesicht plötzlich wieder jenen weichen und schlaffen Ausdruck an, den wir bereits kennen.

Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kammerdiener ging durch den Salon, kehrte aber gleich wieder dahin zurück, zündete eine Wachskerze an, nahm Siegellack und wühlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der Bronzeschaale. Er schien überrascht zu sein, blickte im Zimmer umher und ging dann in's Nebenzimmer, wo er unter der tür stehen blieb und seinem Herrn einige Worte sagte.

"Mein Petschaft muss da sein," hörte man den Grafen antworten; "das kleine mit dem goldenen Griff, es liegt in der Bronzeschale."

"Euer Gnaden verzeihen," entgegnete der Kammerdiener, "es liegt nicht an seinem gewöhnlichen platz."

"Das müsste mit dem Teufel zugehen," erwiderte der Graf. "Ich habe es gestern Abend noch da gesehen."

Mit diesen Worten trat er in den Salon, ein Briefchen in der Hand; der Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte.

"Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinsichtlich meines Odeurs," sagte der Baron mit wichtigem Tone; "jener Fabrikant nennt es Rosensaft. Ich bitte Sie, Rosensaft! Dabei fällt mir gleich so 'ne schmutzige Brühe ein. Ah! coeur de rose ist eine schöne Erfindung."

"Gewiss, gewiss!" entgegnete zerstreut und einigermassen ärgerlich der Graf, denn er hatte ebenfalls vergeblich in der. Bronze schale und auf dem ganzen Tische nach dem Petschaft gesucht. Er sah den Kammerdiener an; dieser zuckte die Achseln.

"Wer hat das Zimmer heute Früh in Ordnung gebracht?" fragte er mit heftigem Tone.

"Der Jäger, Euer Gnaden."

"Wieder der Jäger! – Wann soll denn der geschichte einmal ein Ende gemacht werden?"

"Es ist eigentümlich," sprach der alte Mann, "der Mensch hatte so vortreffliche Empfehlungen und wie sehr ich beständig aufgepasst, ich habe nie etwas Unrechtes bemerkt."

"Aber Sie werden mir nicht ableugnen können, dass seit einem halben Jahre, als der Mensch in meinen Diensten ist, jeden Augenblick aus diesem Salon Etwas verschwindet."

"Leider!"

"Haben Sie sonst auf Jemand von den Leuten Verdacht, auf George vielleicht oder auf Karl?"

"Gott soll mich bewahren!"

"Nun, also bleibt's an dem Jäger hängen, und der Sache soll ein Ende gemacht werden; ich will's!"

"Aber, gnädigster Herr, man kann ihm Nichts beweisen."

"Das braucht's auch gar nicht; ich will gewiss nicht sein Unglück; man zahlt ihm einen halbjährigen Lohn, sagt ihm, er habe mir nicht convenirt und gibt ihm meinetwegen ein erträgliches zeugnis."

Der alte Mann nickte mit dem kopf.

"Wie Sie selbst sagten, kann man ihm Nichts beweisen, also wollen wir auch seiner Zukunft nicht hinderlich sein. Aber mir ist es unheimlich, dass hier alle Augenblicke so was vorfällt."

Der Graf hatte etwas heftig und laut gesprochen, während er sich an dem Schreibtische im Salon niedergelassen, um besser in der Bronzeschale suchen zu können, so dass sich sogar der gleichmütige Baron veranlasst sah, aufzustehen und näher zu kommen.

"Ja, was ist denn vorgefallen, mein bester Graf?" fragte er, indem er sich in dem Spiegel über dem Kamin Haar und Bart zurecht strich und dann an dem Feuer seine Fussspitzen wärmte. "Sie sind ja wahrhaftig ganz aufgeregt!"

Der Graf wollte von dem Petschaft sprechen, doch der Kammerdiener sah ihn bittend an. "Ach!" sagte er mit verdriesslichem Tone, "ich bin mit einem meiner Leute nicht zufrieden, mit meinem Jäger, ich muss ihn fortschicken, was mir sehr unangenehm ist. Es ist überhaupt so schwer, ordentliche Leute zu bekommen."

"Das weiss Gott!" entgegnete der Baron, indem er sich umwandte und die hände auf den rücken legte. "Aber da fällt mir was ein. Vor ein Paar Tagen wurde mir Jemand empfohlen, von sehr guter Hand und dringend empfohlen, ein Mensch, der schon längere Zeit in W. in den besten Häusern diente, und obendrein ein gelernter Jäger. Für seine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren; wenn Sie's mit dem versuchen wollten!"

"Warum nicht, auf Ihre Rekommandation! – Er soll sich bei meinem Kammerdiener melden, ich nehme ihn an."

"Schön," sagte der Baron mit seinem sanftesten Lächeln; "da haben wir einmal wieder ein gutes Werk getan." – Er trat an den Tisch, stützte sich mit der linken Hand darauf und schlug mit einem Finger der Rechten auf die Bronzeschale, dass sie einen hellen Klang von sich gab. – "Aecht? – Antik?" fragte er.

"Ich habe sie von einem Bekannten erhalten, der sie in Pompeji erbeutet. – Aber Teufel! Es ist schon drei Viertel auf Elf. – Lassen Sie meinen Wagen vorfahren," sagte er zu dem Kammerdiener, der sich verdriesslich entfernte. "Jetzt muss ich siegeln und habe mein Petschaft verloren. Ah, Baron!