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standen die weiten Flügeltüren, die vom Salon aus in's Gewächshaus führten, offen, und es ist uns schon erlaubt, einen neugierigen blick hinein zu werfen.

Das Glashaus bildete den vierten teil eines Kreises, sowie oben ein spitzes Gewölbe in gotischer Form, bestand auf beiden Seiten aus Eisen und Glas, und entielt einen förmlichen Wintergarten. Von dem Salon des jungen Grafen aus stieg man ein paar Stufen hinab. Auf den hohen Ruhebänken dieser kleinen Treppe standen rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blühenden Pflanzen aller Art, an deren Postament Schlinggewächse empor rankten und sich oben mit anderen Wucherstauden zusammenschlangen, die an der Decke des Glashauses emporkrochen und ihre sonderbaren Blüten, tiefblaue und weisse Glocken, über die Häupter jener Figuren herab hängen liessen. Dunkler Epheu umschlang die Wände der kleinen Treppe sowie die Ruhebänke, und aus dem tiefen Grün dieser Blätter glänzte hie und da eine brennend rote, fremdländische Blume, die jetzt ihren Sommer hatte, wo bei uns Schnee und Eis lag, hervor.

Die Wege des Glashauses waren mit dem feinsten hellgelben Sande bedeckt und schlängelten sich in der willkürlichsten, eigensinnigsten Form um Gruppen und Bosquetten herum, die aus Orangen, Lorbeer, Citronen, fremden Nadelhölzern bestand und deren Ecken meistens mit Krystallgefässen geschmückt waren, in welchen Goldfische herum schwammen oder irgend eine seltene Blume sich recht auffallend präsentirte.

Die Mitte des ganzen Glashauses bildete eine grosse Kuppel mit hochstämmigen Bäumen besetzt, die einen marmornen Springbrunnen umstanden, aus dessen oberster Etage ein Strahl empor sprang, der, sich in der Luft verteilend, von Schaale zu Schaale mit melodischem Plätschern zurück fiel. An vier Seiten dieser Kuppel befanden sich Volièren, deren gefiederte Bewohner, arme Sklaven, schon jetzt freudig ihre muntern Lieder sangen, während draussen ihre freien Kameraden noch mit allen Mühen des Lebens, mit Hunger und Frost, zu kämpfen hatten.

Jenseits der Kuppel setzte sich das Glashaus in gleicher Weise wie diesseits fort; dort befand sich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebänken, Epheugewinden, mit Blüten, Blumen, Schlingpflanzen und Marmorstatuen; doch waren die Flügeltüren, welche in das Haus Seiner Excellenz führten, fest verschlossen, sowie die inwendigen Vorhänge herab gelassen.

Aus dem diesseits geöffneten Glashause drang in den Salon des jungen Grafen ein äusserst angenehmer Duft; es strich die duftige Atmosphäre herüber, die in gut erhaltenen Glashäusern herrscht, jener nicht zu bezeichnende Geruch, bestehend aus den verschiedensten zarten Dünsten, welche die Pflanzen aushauchen, wenn nach dem Bespritzen mit frischem wasser über die erquickten Blätter so langsam ein Tropfen nach dem andern herab rieselt.

Im Salon des Grafen war es behaglich warm, ohne heiss zu sein. Aus dem Glashause strömte auch erwärmte Luft herein, und im Kamin spielte ein lustiges Feuer. In der Nähe des letzteren stand ein grosser runder Tisch mit Geschirren verschiedener Art beladen, aus deren Unordnung man ersah, dass dort eben gefrühstückt worden war; es befanden sich hier zwei Couverts mit darüber hingeworfener Serviette und leeren Stühlen davor, während ein dritter Sessel noch besetzt war und zwar durch den Baron Brand, der behaglich in demselben ausgestreckt war, von Zeit zu Zeit eine neben ihm stehende Chocoladetasse an den Mund brachte, dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las.

An diesen Salon stiess, wie wir bereits wissen, das Arbeitszimmer des Grafen, sowie Garderobe und Schlafgemach. In letzterem befand sich der Hausherr; vor einem grossen Spiegel stehend war er beschäftigt, sich anzuziehen. Die tür in's Arbeitszimmer stand offen, und hier bemerkte man den Maler Artur, der an einem Fenster sass, vor sich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war, von demselben eine Copie in Aquarell zu machen.

Der Eingang in den Salon war verschlossen und es hing diesseits vor demselben ein dicker persischer Teppich herab.

Graf Fohrbach hatte seine Toilette ungefähr halb beendigt, und an seinen Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit roten Streifen bemerken wir, dass er im Begriffe ist, sich in Uniform zu werfen. Der alte Kammerdiener stand mit dem ernstesten gesicht von der Welt neben ihm und reichte ihm die verschiedenen nötigen und unnötigen Gerätschaften, die das wichtige Geschäft des Ankleidens erforderte. Jetzt hatte er eine kleine silberne Büchse mit weisser Bartwichse aufgeschraubt, der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte mit Hilfe dieser wohlriechenden Masse seinen Schnurrbart keck in die Höhe, wobei er sich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel besah.

"Wenn man euch Herren so bei der Toilette sieht," rief der Maler aus dem Nebenzimmer, "so begreift man vollkommen, dass euch von der vielen Zeit, die ihr habt, doch so wenig übrig bleibt. Jetzt sind Sie bereits eine halbe Stunde mit Ihrem Anzug beschäftigt und, wie ich sehe, noch nicht übermässig vorgerückt."

"Der Anzug, mein Lieber, ist eine wichtige Sache," gab der Graf zur Antwort, "namentlich wenn man, wie ich heute, den Dienst hat. Ich versichere Sie, da kommen eine solche Menge Leute in's Vorzimmer, die oft Stunden lang warten, Fremde, Herren vom Civil, Vorgesetzte und Kameraden, und das fängt zuerst an, die Wände zu besehen, Plafond und Fussboden, und dann kommen wir an die Reihe. Ah! ich versichere Sie, das Alles betrachtet uns genauer, als es eine Geliebte oder junge Frau macht."

"Das habe ich nicht gewusst," entgegnete Artur lachend.

"Desshalb müssen wir in unserem Anzug so ausserordentlich, ja übermässig correct sein