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und ein längeres Gespräch mit ihm hielt, worauf er von ihm zurück hinter die achte Coulisse trat, wo diesmal der erste Maschinist selbst, der Herr Hammer Vater, die Conversation leitete und von seinen Kriegstaten erzählte.

Der alte Schellinger hatte sich indessen auch bald wieder näher geschlichen; er zuckte oftmals die Achseln, wenn der Andere irgend etwas besonders Seltsames vorbrachte, schüttelte bedeutsam den Kopf und flüsterte auch wohl dem Schwindelmann zu: "Ich versichere dich, er lügt fürchterlich!"

Bald ging die Oper zu Ende, der Vorhang fiel für

heute Abend zum letzten Male, wurde dann langsam wieder empor gezogen, nachdem die Zuschauermenge fast das Haus verlassen. An den Eingangstüren wogten und drängten noch die letzten massen und in den Gängen sah man noch Kopf an Kopf.

Richard, der heute Abend gar keine Eile zu haben

schien, befand sich auf der halb dunkeln Bühne und neben ihm stand Schellinger, während etwas rückwärts Herr Hammer einigen der Zimmerleute und Maschinisten noch eine merkwürdige geschichte erzählte.

"Ja–a, ja–a," sagte er, "das habe, ich noch verges

sen, wie es damals in dem Kriege bei uns zuging. Als mich eines tages der selige Bernadotte zu sich kommen liess und mir eine Depesche auftrug, – es handelt sich vom Auswendiglernen und ich erzähle euch das nur, weil heutigen Tages unsere Schauspieler so viel Wesens daraus machen, wenn sie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren müssen, – Hammer, sagte Bernadotte zu mir, hier ist eine Depesche an Napoleon. Hast du wohl Courage, sie durch die feindliche Armee an den Kaiser zu bringen? Wenn sie dich aber damit erwischen, so schiessen sie dich tot. – Ist denn der Inhalt so gefährlich, Excellenz? fragte ich. – Sehr wichtig und gefährlich, entgegnete er und zeigte sie mir. Das waren sechszehn enggeschriebene Seiten Französisch. – Wissen Sie was, Excellenz, sagte ich ihm, vertrauen Sie mir die Depesche eine halbe Stunde an, dann komme ich wieder und Sie sollen mit dem Hammer zufrieden sein. – Und er gab sie mir und eine halbe Stunde nachher brachte ich ihm seine Depesche wieder und sprach: Excellenz wollen die Gnade haben und mich gefälligst überhören zu wollen. – Und das tat er, und ich sagte ihn die Depesche her, alle sechszehn Seiten und irrte mich nur zweimal, indem ich Allerhöchstdieselben sagte, wo nur Höchstdieselben stand."

"Brrr!" machte Schwindelmann. Die Andern lächelten verstohlen und Schellinger blickte melancholisch im Kreise umher, als sei er betrübt, dass man ihm den Rang abgelaufen. Dann schlich er zu dem Teaterdiener hin und sagte ihm abermals: "Nein, der Hammer übertreibt; was der Mann sich das Lügen angewöhnt hat!"

"So, nun sind wir fertig!" rief der erste Maschinist; "das dauert immer lange, bis das Haus leer ist. Ja–a, ja–a, wenn ich mir denke, dass es hier einmal brennen könnte, das müsste ein fürchterliches Unglück geben."

"Noch schlimmer als in C.," sagte Schellinger, "denn da hatten sie doch weite Treppen und Gänge, und Viele konnten entfliehen; die da verbrannten, blieben sitzen, weil sie vor Schrecken wie erstarrt waren."

"Nein, nein," entgegnete Herr Wander, "so ist es nicht, Schellinger; der Rauch hat sie gleich betäubt und erstickt."

"Vor Schrecken blieben sie sitzen," sprach hartnäckig der Schneider; "ich war dabei."

"O Schellinger, wie kannst du lügen!" sagte der erste Maschinist. "Haben wir nicht an dem Abend zusammen hier gestanden, gerade wie heute?"

"Ja, ja, – es ist möglich," entgegnete traurig der Garderobegehülfe; – "aber es ist doch wahr, dass sie vor Schrecken gestorben sind, ich habe die besten Nachrichten. – Den Tag nach dem Unglück hatte ich Briefe von C. – ganz ausführliche und unzweifelhafte, denn sie kamenvon Einem, der selbst mit verbrannt ist."

In diesem Augenblick erloschen sämmtliche Lichter am Kronleuchter, Alle entfernten sich lachend, und die Bühne blieb öde und leer.

Zwanzigstes Kapitel.

Toiletten-Geheimnisse.

Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm sich bei Tage, trotzdem, dass es Winter war, ausserordentlich reizend und elegant aus. Wenn auch die meisten der Fenster auf den Garten gingen und man dort nichts sah als schneebedeckte Wege, kahle Aeste, eingehüllte Bäume und hie und da durch die nackten Gesträuche ein Stück der Gartenmauer, so bildete dagegen der Salon in dem wir uns neulich Abends befanden, einen höchst angenehmen und wohltuenden Contrast. An diesen Salon nämlich stiess ein grosses Glashaus, welches den Pavillon des jungen Grafen mit dem elterlichen haus verband, und auf Befehl der alten Excellenz als neutraler Grund betrachtet wurde, das heisst, der junge Graf konnte hier wohl auch mit einigen Bekannten spazieren gehen, seinen Kaffee da nehmen, eine Cigarre rauchen; doch war ihm nicht erlaubt, dies allerliebste Gewächshaus insofern zu seinen Appartements mit heran zu ziehen, um auch hier kleine Feten und Gesellschafter: zu geben. Dies Recht hatte sich der Papa vorbehalten, wesshalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen angewiesen war, so oft sich grössere Gesellschaft bei seinem Herrn befand, diese Eingänge zum Gewächshaus zu schliessen, damit nicht unwillkürlich gegen den Befehl des Papa und Kriegsministers gehandelt werde.

Heute Morgen dagegenes mochte zehn Uhr vorüber sein