dich auf der andern Seite," entgegnete Marie.
"Hast du was Neues erfahren? – Von ihm – von dem sauberen Herrn auf der zweiten Gallerie?"
"Nein, nein! Meine Tante lässt mich, Gott sei Dank! in Frieden; sie hat in den letzten Tagen nichts darüber gesprochen: ich hoffe schon, sie hat meinen inständigen Bitten Gehör gegeben."
"So, das hoffst du?" erwiderte Terese. "Da kennst du die Alte schlecht. Ich will dir gelegentlich einmal erzählen, wie sie es mir gemacht hat. Nimm dich aber zusammen, das rate ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt hast, lässt nicht so leicht nach, das ist einer von den stillen Scheinheiligen, die im Trüben fischen und im Dunkeln langsam aber sicher gehen."
"Aber am Ende habe ich doch meinen freien Willen!" sagte ängstlich Marie.
"Den hast du nicht, arme Sklavin," entgegnete die Andere, indem sie sich hoch aufrichtete. "Schau mich an, ich sehe auch gerade nicht aus wie Jemand, der sich leicht zwingen liesse. Und doch – man wird am Ende müde. – Aber sprechen wir nicht mehr darüber!" Damit warf sie die Oberlippe trotzig in die Höhe, und liess die Federn ihres Kopfputzes langsam durch ihre Finger gleiten und setzte mit ruhigem Tone hinzu: "Du hast mich also gesucht! nun denn, was soll's?"
Marie erzählte nun ihrer Collegin von der armen Nähterin, von dem kind, das man derselben geraubt, von dem man aber den Todtenschein beigebracht, und das sich nun wahrscheinlich irgendwo befände, wo es, so befürchte die Mutter, langsam dahin siechen werde.
über die Züge Teresens hatte sich während dieser Erzählung ein so höhnisches, ja böses Lächeln gelagert, dass man ordentlich davor zurückschrecken konnte. Sie biss ihre Zähne auf einander und schien angelegentlich die Spitze ihres seidenen Schuhes zu betrachten. In Wahrheit aber schaute sie weit hinaus durch Gebälk und Fundament, tief in die Erde und musste dort etwas Schreckliches erblicken, denn plötzlich schrak sie auf, schauderte zurück und presste ihre Hand mit einem tiefen Atemzuge auf's Herz.
"Du hast mich nicht angehört," sagte Marie, während sie ihre Freundin ängstlich betrachtete. "Du hast mich gewiss nicht verstanden."
"Oh! es ist leicht, das zu verstehen," entgegnete Terese; "ich begreife dich vollkommen und weiss was du willst. Es gibt solche Orte, wo man kleine Kinder aufbewahrt, bis der gnädige Gott sie zu sich abruft. Aber dahin zu kommen, ist sehr schwer; sie sind verschlossen wie das Grab, dessen Vorzimmer sie ja auch sind. – Lass' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei ist nichts zu machen, sie hat ja einen Todtenschein erhalten, also existirt das Kind eigentlich nicht mehr. – Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine solche Anstalt besteht, glaube mir, man lässt mich eben so wenig eindringen, wie die Mutter jenes Kindes. O, die sind schlau wie der Teufel!"
"Aber du könntest mir doch eine Adresse geben, damit ich's ihr mitteile."
"Die ziehen bald hierhin, bald dortin – aber wart' einmal, – da fällt mir eben ein, in dem haus, wo der alte Schellinger wohnt – du kennst ihn doch, unsern armen Freund, da hinten steht er, – da soll sich so was befinden."
"So wollen wir hin und ihn fragen."
"Das wäre sehr unklug; bei dir hätte es am Ende nichts zu sagen, aber ich könnte mich in ein schönes Licht bringen," entgegnete Terese, sonderbar lächelnd. "Nein, nein, das müssen wir gescheidter anfangen. Ich traue in dem Punkt dem alten Fuchsen nicht recht', wir müssen Jemand an ihn abschicken, der ihn vorsichtig ausholt."
"Du hast Recht, Terese," versetzte das junge Mädchen. "Aber wem sagen wir es?"
Die Andere zuckte die Achseln und antwortete nach einigem Nachdenken: "Das ist für mich eine unangenehme Commission; wenn ich es auch Einem sage, so machen sie ihre schlechten Witze; und ich hasse das."
"Ich weiss schon, was ich tue," sagte eifrig Marie. "Ich erzähle die ganze geschichte dem Zimmermann Richard, der soll mit dem Schellinger sprechen."
"So, dem Richard erzählst du es, mein Schätzchen?" entgegnete die andere Tänzerin lachend. "Ah! das ist dein Vertrauter! Ja, ja, man treibt so allerlei, wenn man mich sucht und sich dann erst ungeheuer lange hinter dem letzten Vorhange aufhält. – Nun, erschrick nur nicht: du brauchst dich dessen nicht zu schämen, und wenn er es gut mit dir meint, was ich hoffe und glaube, so greis' zu, und wie ich schon früher gesagt, nimm dich zu haus doppelt in Acht. – Aber jetzt geh' und sprich mit Richard darüber, erzähle ihm offen die ganze geschichte, wie du mir so eben getan."
Diesen Rat befolgte denn auch Marie, und man kann sich leicht denken, dass sich der Zimmermann von der Tänzerin gerne hinter eine Coulisse führen und sie da unter vielen Neckereien die traurige geschichte vortragen liess.
Das Resultat dieser Erzählung war, dass er während des dritten Aktes den Garderobegehülfen auf die Seite nahm