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namentlich die blonde Elise, welche ihrer Freundin gefolgt war, hatten diese Unterredung teilweise gehört und traten nun mitleidsvoll näher. Bald war Clara von allen Damen umringt, die sich im Zimmer befanden, und es war ein eigener Anblick, wie die vorhin noch so lachenden Gesichter der jungen lustigen Tänzerinnen auf das dürftige Todtenhemdchen niederschauten. Um dasselbe herum stand nun so plötzlich ein lautloser Kreis, glänzend in Spitzen, Atlas, Silberstoffen und falschen Brillanten. Dabei contrastirte die Stille hier im Zimmer auffallend mit dem Lärmen in den andern; dort wurde geplaudert, gelacht, auch wohl ein lustiges Lied gesungen und zwischen hinein blätterten die Castagnetten und hörte man hin und wieder das taktmässige Auftreten der Füsse, wenn die Eine oder die Andere irgend einen Pas versuchte.

"Aber warum nähst du schwarze Schleifen auf das Kleid?" fragte nach einer längeren Pause Terese, indem sie sich niederbeugte und das Kleidchen mit der Hand berührte. "Man nimmt ja gewöhnlich Rosaband; auch sind die hier von Baumwollenzeug."

Clara blickte in die Höhe und versuchte zu lächeln, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. "Schwarz ist ja die Farbe der Trauer," sagte sie, "und dann hatte ich diese Bänder schon; Rot ist so teuer."

"Du hast sie von einem Kleid heruntergetrennt," fuhr die Andere fort, nachdem sie genauer hingesehen. – "Ich will das nicht leiden." Dabei richtete sie sich stolz in die Höhe. "Dein Schwesterchen soll nichts Schlechteres haben, als die anderen Kinder. – Allons!" wandte sie sich an die Andern, "sucht rotes Atlasband zusammen, aber eilt euch. – Wie viel Schleifen brauchst du ungefähr?"

"Lass nur gut sein, Terese," bat Clara, "meine Liebe zu dem armen Kind ist nicht geringer, wenn ich auch schwarze Schleifen hinnähe."

"Aber es muss einmal so sein," entgegnete Terese eigensinnig, "du hast ja kaum mit deinem schwarzen Band angefangen. Macht, dass wir rote Schleifen bekommen!"

Schon auf den ersten Ruf hin waren mehrere der Tänzerinnen zu ihren Schränken geeilt, und eine brachte das verlangte herbei.

Terese durchschritt alle Zimmer und rief nach rotem Atlasband.

"Wozu?" fragten mehrere Stimmen. "Zu welchem Zweck?"

Und kaum hatte die Tänzerin erklärt, um was es sich handle, so wurden bereitwillig Schränke und Schachteln geöffnet und jede der glänzenden Nymphen, der strahlenden Göttinnen und edlen Ritterfräuleins beeilte sich, ihre rote Schleife zu bringen, so dass Clara kaum mit dem Annähen fertig werden konnte.

Wie wohl tat ihr übrigens diese Teilnahme und wie erfreut war sie, als nun das Kleidchen fertig war und nicht mehr so düster in Schwarz und Weiss aussah, sondern freundlich und rosig, wie es für das liebliche Gesichtchen des verstorbenen Kindes passte.

"Wann wird dein Schwesterchen begraben?" fragte die blonde Tänzerin, die jetzt in den Kreis trat, in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von künstlichen Orangenblüten, fast ihr einziges und bestes Eigentum, das sie aber gerne hingab, um das Köpfchen der Verstorbenen damit zu zieren. "Wann wird es begraben?" wiederholte sie. "Denn es versteht sich von selbst, dass wir Alle mitgehen."

"natürlich," sagte Terese, "da wird gewiss keine fehlen. Und an Blumen bringen wir mit, was wir auftreiben können; die jetzt gewachsenen und blühenden sind freilich teuer, aber es tut nichts, sollte es auch ein gemachter Strauss sein. Es hat die gleiche wirkung, wenn es nur vom Herzen kommt."

"Es soll mich freuen," erwiderte Clara, "wenn ihr auf den Kirchhof kommen wollt; das Begräbniss ist übermorgen um zehn Uhr."

"Verlass' dich darauf, es fehlt keine," versetzte Terese bestimmt. Und damit nahm sie das fertig gewordene Kleidchen in die Höhe und Alle betrachteten die wohlgelungene Arbeit.

In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel dreimal und heftig; es war das Zeichen für die Tänzerinnen, auf die Bühne zu kommen, wesshalb die Schränke eilfertig zugeschlossen wurden. Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel, streckte den Oberkörper so weit als möglich in die Höhe, zog den Tanzrock herab, betrachtete prüfend die Schuhe, ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken sei, und darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauschte auf die Bühne, wie ein anderes wildes Heer.

Drittes Kapitel.

Sclavinnen.

Wie meistens vor einem grösseren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird, so auch am heutigen Abend. Es geschieht das, um den ersten Hunger des Publikums zu stillen, um den Zuspätkommenden genügende Zeit zu lassen, ihre Plätze einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfänglicher zu machen für den nun folgenden Spektakel, für Decorationen, Costüme, Tänzer und Tänzerinnen. Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewählt, an dem man nicht viel verliert, wenn man auch erst in der Mitte desselben in's Teater kommt; es hat gewöhnlich eine einfache Decoration, damit man hinten genugsam Platz hat für die Zurüstungen, sowie eine Stelle, wo sich das Corps de Ballet aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen, damit ihre Glieder nachher im höchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen.

Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen, zwölf Tableaux, mit viel Tyrannei, viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefühl. Eine Scene, wo viel des Letzteren vorkommt, muss als sehr schwierig noch probirt werden