träumte, Richard ihre beiden hände ergriffen hatte und freundlich lachend den Versuch machte, ihr in die niedergeschlagenen Augen zu blicken. Sie sah das lange nicht, denn jetzt plötzlich fielen ihr die Worte der armen Katarine ein, als sie zu ihr gesagt: wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen kind, wenn es noch lebt und du es an einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen. – – Diese Worte verwandelten sich in ein freundliches Bild, und sie stand mit Richard Hand in Hand an einem kleinen armseligen grab und legte auf Dornen und Disteln, die dort wucherten, einen frischen Kranz von duftenden Rosen. – Ah, wenn das wahr würde!
Da schrak sie empor, denn draussen im saal applaudirte grade das Publikum lang und heftig; – etwas von ihren Phantasieen war der Wahrheit gemäss, denn wenn auch nicht neben einem grab, so stand sie doch Hand in Hand mit Richard auf der halb dunkeln Bühne, und er sagte lachend: "Na, Mädel, lange genug hast du dich bedacht, ob du Ja oder Nein sagen sollst. – – Nun, was ist's, Marie? Bin ich dir angenehm oder nicht? Willst du es mit mir wagen oder hast du auch so verfluchte Liebschaften im Kopf wie die Anderen und willst lieber ein kurzes lustiges Leben führen?"
"Nein, nein," entgegnete eifrig das Mädchen, "gewiss nicht, Richard."
"Na, ich glaube's schon," versetzte er gutmütig. "Ich glaube, dass du ein braves, ehrliches Mädchen bist; es ist das freilich ein Wunder, wenn man deine Tante – die Gott verdammen soll! – ansieht. Aber glaube' mir, Marie, ich habe dir aufgepasst, so genau ich konnte, und namentlich immer auf deine arme und hände gesehen –"
"Und warum das?" fragte sie lächelnd unter Tränen, die langsam aus ihren Augen hervor quollen.
"Ei, das will ich dir sagen," entgegnete er lustig. "An den Armen und Fingern sieht man's gewöhnlich bei euch zuerst, weisst du, da lassen sich auf einmal verdächtige Ringe sehen und eine Armspange; und das sind des Teufels Ketten, mit denen ihr fest geschlossen werdet. – Neulich hatte' ich dich schwer im Verdacht."
"Ich weiss, ich weiss," erwiderte sie fröhlich. "Da hatte mir auf der Bühne Terese eins von ihren Armbändern geliehen. Ich musste doch als Hofdame geschmückt kommen!"
"Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelstunde zusammen," sagte er nun scheinbar ungeduldig, "und ich weiss noch nicht einmal, woran ich bin. Gleich muss ich hinüber zum Verwandeln, desshalb sage mir, wie du es meinst, einfach Ja oder Nein. Wenn du Ja sagst, so ist die Sache abgemacht und ich komme dann nächstens zu deinem alten Drachen, um mit ihr ein ernstes Wort zu reden. – Nun? – Wenn du aber Ja gesagt, so habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich, und dann, Marie, nimm dich in Acht und stelle dich so, dass die bösesten Leute nur Gutes von dir sagen können; denn wenn mir einmal Einer herkäme und so allerlei schlechtes Zeug in die Ohren zischelte, da gäb's ein Unglück, das kann ich dich versichern. – Nun, wie ist's?"
"Ja – ja!" sagte die Tänzerin, nachdem sie ihre beiden hände zurückgezogen: "ich mag dich wohl leiden, Richard; und was das Andere anbelangt, da kannst du ganz ruhig sein. Du weisst, wie mir das Treiben so vieler junger Mädchen verhasst ist."
"Amen!" sprach er, indem er ihre rechte Hand ergriff und sie schüttelte. "Wenn es nicht so strenge gegen das Teaterreglement ginge, dann müsstest du mir einen Kuss geben, aber ich hole mir ihn später nach; wenn du an deinem Kanale aussteigst, wirst du mich schon sehen. – Adieu, Marie!"
Damit ging er an sein Tau zurück, während die Tänzerin über die Bühne hinüber flog und sich an einem einsamen Plätzchen auf eine Rasenbank unter einer Gruppe von gemalten Palmbäumen niederliess. Warum sie hier ihre hände faltete und eine Zeit lang heftig weinte, wusste sie nicht. Aber endlich erschrak sie, dass sie es getan, denn sie dachte an ihre rote Schminke, und als sie erschrocken auf ihren Busen sah, bemerkte sie auf dem hellgrünen Atlas grosse dunkle Flecken.
Bald waren diese Schäden übrigens wieder vertilgt; Clara hatte ihr geholfen, sich auf's Neue zu schminken und dabei einen teil des süssen Geheimnisses erfahren. Clara war hiedurch ebenfalls nachdenkend geworden, und als die Andere nun abermals hinab hüpfte, um Terese aufzusuchen, blieb sie droben in der Fensterecke sitzen, stützte den Kopf auf die Hand und versank in tiefe Träumereien.
Terese befand sich noch immer hinter der ersten Coulisse: sie hatte ihren rechten Fuss auf einen kleinen Schemel gestellt und hielt sich mit der einen Hand an der Ranke einer Waldblume, die über ihrem kopf herabhing. "Wo steckst du denn, mein Schatz?" rief sie der heran kommenden Marie zu. "Ich habe schon nach dir gesehen, aber du warst verschwunden. – Ich hoffe doch nicht –"
"Ich suchte