Folge hievon war, dass die Tänzerin heftig erschrak, stehen blieb und sich umschaute, wer ihr diesen Schrecken eingejagt.
"Ah! verzeihen Sie, Marie!" sagte der Zimmermann, "wenn ich Sie ein wenig erschreckt, aber ich konnte nicht dafür! Als ich Sie kommen sah, glitt mir das Tau aus der Hand, und da liegt es."
"So, so, Sie sind es, Richard?" entgegnete das junge Mädchen unbefangen. "Ich habe wahrhaftig geglaubt, es fiele mir etwas auf den Kopf. – Man muss sich sehr in Acht nehmen," setzte sie altklug hinzu, "denn alle Augenblicke passirt hier Etwas, wie der Regisseur sagt."
"Ei der Tausend!" versetzte schmunzelnd der Zimmermann, "beim Ballet ist doch lange nichts vorgefallen, denn da geben wir alle doppelt achtung, das können Sie mir glauben."
"Und wesshalb geben Sie beim Ballet doppelt achtung, Herr Richard? – Das wird den meisten von euch ebenso gleichgültig sein, als wenn einmal bei der Oper oder beim Schauspiel ein Unglück geschieht."
"Denn meisten freilich," erwiderte Richard, indem er die hände reibend näher trat, "aber mir ist ganz besonders daran gelegen, das können Sie mir glauben, Marie. Und wenn Sie auf eine Flugmaschine müssen," setzte er lächelnd hinzu, "da schau ich die Drähte ganz besonders an und habe meine Augen überall. Wehe denen drunten an der Wende, wenn sie mir nicht genau aufpassen! Ja wahrhaftig, ich würfe ihnen einen Gewichtstein an den Kopf."
"dafür bin ich Ihnen sehr dankbar," sagte das Mädchen, das bereitwillig stehen geblieben war; "es ist immer angenehm, wenn Jemand da ist, der ein klein wenig Interesse an Einem nimmt, wenn man auf der Bühne ist."
"Nun, ein klein wenig brauchen Sie gerade nicht zu sagen," entgegnete der Zimmermann, indem er sich durch das volle Haar strich; "sagen Sie nur keck ein grosses Interesse. Sie wissen doch, Marie, dass es so ist, und auch nicht bloss auf dem Teater, sondern auch sonst, – wo es nun gerade ist, auf der Strasse, in Ihrem haus, wo ich Sie sehe und wo ich Sie nicht sehe."
"Ei der Tausend! Sie machen nur ja eine förmliche Liebeserklärung, Richard!"
"Wenn Sie es so nennen wollen, so tun Sie es, Marie; aber der Name ist gleichgültig. Die Sache ist jedoch wie ich gesagt – soll mich der – na! – ich will nicht fluchen! – ich habe es Ihnen schon lange einmal gestehen wollen, aber ich weiss wohl, ihr vom Ballet seid ganz eigentümliche Frauenzimmer; da mag jeder Narr kommen und euch schöne Sachen vorschwatzen, das ist euch schon recht und ihr hört gerne zu; aber wenn es Unsereins mit euch gut meint und euch das gerade heraus sagt, so lacht ihr ihn aus und lauft nachher zu den Anderen und sprecht: denkt euch nur, das und das hat mir der Richard gesagt. Aber wenn ich so etwas erführe, Marie, das wäre mir – hart, recht hart."
Nun müssen wir dem geneigten Leser versichern, dass diese Liebeserklärung, wie die Tänzerin es nannte, ihr eigentlich nicht so unverhofft kam, wie man von einem Blitz sagt, der aus heiterem Himmel herabfährt. Der junge Zimmermann hatte ihr schon unterschiedliche Proben seines Wohlwollens gegeben, hatte, wie er vorhin angedeutet, bei allen vorgekommenen Schwierigkeiten gewissermassen über sie gewacht, die Versenkungen, wenn es ihm möglich war, selbst geleitet, die Flugmaschine durch sein eigenes beträchliches Gewicht jedesmal vorher probirt. Auch waren alle diese kleinen Aufmerksamkeiten nicht unbemerkt an dem Herzen der Tänzerin abgeglitten; wir müssen das eingestehen, wie wir auch vorhin nicht verschwiegen, dass Marie vielleicht etwas Anderes gesucht als ihre Collegin Terese. Bis jetzt hatte sie aber dies Benehmen Richards gegen sie nur für Scherz gehalten und demselben weiter keine Folge gegeben. Was wollte sie auch? Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermöglichen Vaters, ein hübscher Mensch, dem wohlhabende Bürgerstochter nachschauten, und in seinem Handwerke, der Zimmerei' so wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Teaters so wohl vertraut, dass ihm hier eine dauernde Anstellung nicht fehlen konnte. – Und nun sagte er ihr mit einfachen Worten, dass er nur an sie denke, dass er sie liebe. –
Das Mädchen schrak ordentlich zusammen und in ihrem geist tauchten allerlei seltsame und schöne Phantasieen auf. Sie glaubte dass er wahr spreche; ach! und dieser Gedanke war doch zu süss, um ihn unbedingt annehmen zu können. Sie, in den traurigsten und gedrücktesten Verhältnissen geboren und erzogen, bis jetzt von dem fürchterlichen Willen ihrer Tante abhängig, sollte einst noch glücklich werden können, sollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem sie schon lange gewandelt; denn dass es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal gesagt, davon war sie fest überzeugt. Er war als sehr solid und arbeitsam selbst bei den Teaterleuten bekannt, und sogar der Intendant hielt grosse Stücke auf seine Redlichkeit und gab Alles auf sein Wort, denn bei schwierigen Flugwerken zum Beispiel musste sich Richard immer zuletzt überzeugen, ob Rollen und Taue auch in Ordnung seien, und erst wenn er gesagt, es sei Alles richtig, gab sich der Chef zufrieden.
Marie hatte nicht bemerkt, dass während sie so