1854_Hacklnder_152_77.txt

dirigiren.

Die Choristen und Choristinnen halten sich in der Nähe der grossen Oefen auf; Erstere sind gelangweilt, denn sie haben den ganzen Abend draussen zu stehen, und dann wird die geschichte voraussichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den Choristinnen stehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten sich nicht ohne Neid von den neuen und viel geschmackvolleren Costümen der Tänzerinnen, dass da nichts gespart werde an Sammt und Seide, dass die Tricots immer schöner und die Röcke immer kürzer würden. So sprechen die Jüngeren vom Chor, während die alte Garde daneben auf einigen Bänken von dem langen, ermüdenden Stehen ausruht und wollene Strümpfe strickt.

Das dauert hier Alles so lange, bis der Obermaschinist gemeldet, die neue Decoration stehe, meistens aber, bis der Inspicient aus den Garderoben zurückkommt und dem Regisseur anzeigt, dass Madame X oder fräulein Y mit ihrer Toilette so weit gediehen sei, dass der zweite Akt beginnen könne.

Das Umkleiden der Damen ist ein schrecklicher Hemmschuh im Teater, und manches Stück, das durch ein rasches Spiel sich die Gunst des Publikums erwerben würde, wird zu grab getragen, weil der erste Liebhaber oder die erste Liebhaberin es für nötig findet, sich jeden Akt in einem neuen Costüm zu zeigen. Von einer Dame kann man sich das schon gefallen lassen, aber bei einem mann grenzt solch masslose Eitelkeit schon an's Fabelhafte, und sollte nicht geduldet werden.

"Platz vom Teater!" ruft der Regisseur. Und das hat dieselbe wirkung, wie der erste Hahnenschrei nach der Walpurgisnacht. Rechts und links stieben sie aus einander die glänzenden, luftigen Gestalten, verbergen sich vor dem Lichte, das gleich von den Prosceniumslampen aufsteigen wird und flattern in die dunkeln Winkel zurück, wo sie angewiesen sind, sich ruhig und still zu verhalten, bis abermals ihre Zeit gekommen. Wenn sie aber auch nach dem Teaterreglement angewiesen sind, kein Geräusch zu machen, nicht hörbar zu plaudern und nicht laut zu lachen, so wird diesem Befehle doch zum Oefteren keine Folge geleistet, und der Inspicient muss sein: "bssstbsssst! – seien Sie doch still in's Kukuks Namen? –" vielmals und meistens ohne grossen Erfolg wiederholen.

Jetzt zum zweiten Akt ist noch ein Zuwachs auf die Bühne gekommen, der während des ersten Akts mit dem Ankleiden beschäftigt war, das Ballet nämlich, welches nun auch gerade nicht zur Vergrösserung der Ruhe beiträgt. Hinter dem letzten Vorhang arbeitet ein Pas de cinque und macht einen schwierigen Pas nochmals durch; dazu klopft der erste Tänzer, der ihn arrangirt, so leise wie möglich in die hände, um sich vornen nicht bemerkbar zu machen; aber die Prima Donna auf der Scene hört diesen Lärm doch; namentlich wenn sie an das grosse Bogenfenster im Hintergrunde tritt, um nach ihrem Geliebten auszuschauen, bemerkt sie deutlich, wie die vier Tänzerinnen auf die Bretter springen, dass es jedesmal einen dumpfen Schlag gibt, was gerade nicht zu ihrer Erheiterung beiträgt, vielmehr sagt sie ein paar spitzige Worte, als sie nach der nächsten Scene abgeht, welche sich aber die Tänzerinnen nicht sehr zu Herzen nehmen, denn die Prima Donna ist verhasst, weil sie neulich einmal gesagt, der Tanz sei keine Kunst, und die Tänzerinnen nur beziehungsweise Künstlerinnen. –

Mademoiselle Marie hatte sich während des Anziehens fortwährend mit dem Schicksal der armen Katarine beschäftigt: sie sprach mit ihrer Freundin Clara darüber, doch hatte diese sie mit ihren grossen klaren Augen so unbefangen und unschuldig angesehen, und eine so unpraktische Antwort gegeben, dass Marie wohl einsah, die Andere wisse in dem Falle eben so wenig zu helfen als sie selbst.

"Weisst du was," hatte Clara gesagt, "sprich mit Terese darüber, die wird dir einen guten Rat erteilen können, denn wie sie kennt Niemand die Stadt und ihre Verhältnisse."

Darauf hatte Marie ihre Toilette beendigt, indem sie ein Hütchen mit Blumen recht keck und verwegen auf der linken Seite des Kopfes befestigte. Unter demselben wallten die üppigen Haare hervor, und als sie sich im Spiegel besah, musste sie gestehen, dass sie gar nicht unvorteilhaft aussehe. Und darin hatte sie Recht; sie war nett und zierlich vom Kopf bis zu den Fussspitzen.

Mit sich selbst zufrieden, tänzelte sie die Treppen hinab, und als sie auf die Bühne trat, warf sie einen forschenden blick rechts und links, vielleicht um Mademoiselle Terese zu finden, vielleicht auch nicht; und Letzteres erscheint uns sehr wahrscheinlich, denn Terese lehnte an der ersten Coulisse und schien gleichgültige Dinge mit einem der Tenoristen zu sprechen. Marie aber wandte sich nach dem Hintergrunde und schritt, die Füsse sehr auswärts, mit dem Rock hin und her wedelnd, langsam bei der achten Coulisse vorbei, wo sich wieder Einige aus der Gesellschaft des ersten Aktes versammelt hatten. Andere aber fehlten, unter diesen Richard, der ganz hinten beschäftigt war, irgend ein neues Seil über eine Rolle zu werfen. Dass er dies sehr ungeschickt tat, wollen wir ihm im gegenwärtigen Augenblicke nicht übel nehmen, denn er sah weder auf das Tau noch auf die Rolle, vielmehr aufmerksam hinter die Coulisse, wo sich die Tänzerin vorsichtig näherte.

Diese bemerkte beim Näherkommen den Zimmermann recht wohl, tat aber nicht dergleichen, sondern wandelte über die Bühne, scheinbar in der einzigen Absicht, um auf die andere Seite zu gelangen.

Richard liess das Seil los, das er in der Hand hatte, welches nun mit ziemlichem Geräusch auf den Boden niederpolterte, und die natürliche