, bis sie zuletzt vollkommene Neger sind."
Nach diesen Worten legte Herr Schellinger seine beiden hände auf den rücken und ging gesenkten Hauptes ruhig davon, ohne sich weiter um seine Zuhörerschaft zu bekümmern, die aber auch im nächsten Augenblick aus einander stob; Jeder eilte an seinen Posten und Schwindelmann liess den grossen Portalvorhang herab.
Neunzehntes Kapitel.
Richard und Marie.
Der Zwischenakt auf einem grossen Teater bietet wieder ein ganz anderes belebtes und nicht minder interessantes Bild dar, als das Treiben hinter den Coulissen. Dort befindet sich nun Niemand als die Arbeiter, welche neue Coulissen aufhängen, Versatzstücke heran tragen, "aus dem Wege!" rufen, dort plötzlich stehen bleiben, wenn ihnen ein Vorgesetzter des Teaters in den Weg kommt, hier Einen der niederen Völker, der nicht schnell genug ausweicht, unsanft auf die Seite stossen. Alles Andere strömt auf der halbdunkeln Bühne zusammen, wo sich auch gewöhnlich der Intendant einfindet, seine kleinen Audienzen erteilt, sowie Tadel und Lob spendet. Die ersten Künstlerinnen sind in die Garderoben geeilt, nachdem ihnen vorher die Sängerin-Mutter vor einer der Coulissen einen warmen Shawl umgeworfen.
Lieber Leser, der du vielleicht nicht weisst, wie eine Sängerin-Mutter beschaffen ist und woran sie zu erkennen, betrachte dir während der Vorstellung eine Dame, die, ehe der Akt anfängt, hinter der Prima Donna die Bühne betritt, ihr während des Gehens den Schleier in malerische Falten wirst oder eine Feder etwas kokett herab biegt, die ihr bei langen Kleidern die Schleppe sorgfältig nachträgt und meistens eine grosse tasche am Arm hat, worin sich kölnisches wasser, Eibischsaft, etwas Hustenzucker und ein Fläschchen mit Gerstenschleim befindet, – eine Frau, gewöhnlich nicht sehr gross, aber meistens wohlbeleibt, gekleidet mit einer halb verblichenen, kümmerlichen Eleganz. Wenn du sie näher anschaust, erinnerst du dich dunkel, jene Mantille oder diesen Kopfputz früher einmal auf der Bühne gesehen zu haben. – Sie lobt ihre Tochter in den Zwischenakten, damit diese den Mut nicht verliert, sie bringt ihr einen Stuhl, bis eine neue Seine kommt, und dann schickt sie dieselbe mit einer guten Ermahnung hinaus vor die Lampen. Ist die Sängerin-Mutter früher selbst Sängerin gewesen, so bleibt sie an der Coulisse stehen und singt die ganze Partie mit, natürlich leise, wobei sie sich gesteht, dass sie das zu ihrer Zeit Alles viel besser und schöner gemacht, dass es keine stimme mehr gäbe, dass die Kunst zu grab gehe und dass sie selbst der letzte Mohikaner gewesen. – Ist die SängerinMutter aber eins jener harmlosen Wesen, das zu haus kocht, wascht, bügelt, auf der Strasse die Sonnen- und Regenschirme trägt, ihre Tochter auf allen Reisen begleitet, im Vorzimmer schläft, die zudringlichen Courmacher abweist, sowie die guten Freunde des Hauses unterhält, bis Mademoiselle ihre Toilette gemacht, die aber dafür keine Vergangenheit hat, und, wenn sie einmal nach haus schreibt, nur verstohlener Weise den Namen des kleinen Gässchens auf die Adresse setzt, wo sie einst gelebt, – so trippelt sie hinter den Coulissen aus und ab, folgt seitwärts der Tochter in grosser Angst, bald vor- bald rückwärts, entsetzt sich über die Todtenstille des Hauses oder atmet tief auf bei dem kleinsten Applaus, ist in beständiger Furcht, ihre Tochter möchte irgend ein Unglück haben, einen Fehltritt tun, kurz, ist das rührende Bild einer jener unglückseligen Hennen, die zufälliger Weise statt Hühnern Enten ausgebrütet und die nun verzweiflungsvoll am Ufer des Teiches zurück bleiben müssen, während jene in dem gefährlichen Element lustig umher plätschern.
Auch die Tänzerinnen erscheinen im Zwischenacte, leicht geschürzt, kurz geröckt, mit feinen Knöcheln und sehr starken Waden, und drängen sich eifrig um den grossen Portalvorhang, dessen beide Oeffnungen beständig von einem neugierigen Auge benützt werden. Man sieht, ob dieser oder jener Platz besetzt ist; man gibt sich kleine Zeichen und tritt endlich seine Stelle schmollend einer Anderen ab.
Nachdem das wichtige Geschäft des Hinaussehens beendigt, umgaukelt die Sylphidenschaar den Intendanten, der ruhig und gross in dieser Brandung stehen bleibt, ein unerbittlicher und hier wenigstens unerschütterlicher Fels. Da naht sich eine von ihnen tänzelnd und schwänzelnd, die hände auf die Hüften gestützt, mit hin und her wiegendem Oberkörper, und trägt keck eine Bitte vor um Urlaub, Zulage, von der sie übrigens zum Voraus weiss, dass sie nicht bewilligt wird. Dort pirouettirt eine aus der Coulisse in rasendem Umdrehen und steht endlich vor dem Beherrscher dieser Bretter mit einem grossen Applomb still, indem sie erschreckt tut, als habe sie ihn jetzt erst gesehen.
Auch junge Schauspieler treiben sich in dem Zwischenact auf der Bühne umher, schauen ebenfalls gelegentlich durch den Vorhang, sprechen mit Sängerinnen und Tänzerinnen, machen dem Intendanten eine tiefe Verbeugung, des Winks gewärtig, wo er die Gnade haben wird, sich zu erinnern, dass sie ebenfalls auf der Welt sind. Auch würdige alte Männer stehen da, ruhig und gross; der Regisseur im dicken Paletot und grossen Filzschuhen, grämlich und verdriesslich, wenn nicht Alles nach Wunsch gegangen; der Inspicient, der sich entschuldigt; dass die Pistole nicht zur rechten Zeit los gegangen, oder dass Herr X. einen Augenblick zu spät aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeister, wischt seine Brille ab, verteilt eine Prise und meint, der erste Akt sei nicht ganz schlecht gegangen, nur seien es der Bässe zu wenig, die Violinen zu schwach besetzt, und wenn dem nicht abgeholfen würde, solle der Henker