ein grosser Irrtum," fuhr der Garderobegehülfe fort. "Von den amerikanischen Pferden kommt der Bernstein her; wenn sie wild aufgefangen werden, so hebt man ihnen den linken Vorderfuss auf, und da hat jedes ein grosses Stück Bernstein, das schlägt man los und macht die schönsten Sachen daraus."
"Aber, Schellinger!"
"Als wir bei der Madame Stowe gegessen hatten, liess sie ein paar wild gefangene Pferde herein kommen, schlug den Bernstein vor unseren Augen los und gab Jedem von uns ein Stück. – Ich weiss wohl, dass ihr mir nicht glaubt, aber ich will euch überzeugen. – Seht her." Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in, seine Rocktasche und brachte eine unbedeutende Cigarrenspitze von Meerschaum hervor, an welcher sich ein kaum nennenswertes Stück Bernstein befand. – "Da schaut her," fuhr er fort, "das habe ich mir davon machen lassen, und wenn ihr mir bei allem dem nicht glauben wollt, so schreibt in Gottes Namen an den Preussen in Berlin, der mit mir gereist ist. Seine Adresse weiss ich freilich nicht mehr, aber er ist nicht schwer zu finden, denn er heisst Müller."
"Was machen sie draussen auf der Bühne?" fragte der erste Maschinist seinen Sohn. "Haben wir bald Actus?"
"O nein, es sind noch vier lange Scenen. Der Schellinger kann schon noch seine Geschichten zu Ende bringen. – Also die Stowe ist nicht die Verfasserin von dem bekannten Buch?"
Der Schneider schüttelte mit dem kopf, rieb sich die hände und blickte, seit längerer Zeit zum ersten Mal, in die Höhe, als er mit grosser Bestimmteit sagte: "Die Frau denkt nicht daran; das ist ein braves Weib, die ihre Hühner und Gänse füttert, ihren Kindern die Strümpfe stoppt und ihre Wäsche pünktlich besorgt, viel zu pünktlich – die schreibt keine Bücher – Stowe, sagt' ich zu ihr, als wir nach Tische eine Cigarre mit einander rauchten –"
"Wie? sie rauchte auch?"
"Alle Amerikanerinnen rauchen zu haus. Also ich sagte zu ihr: Stowe, hat Sie das Buch geschrieben oder nicht?"
"Wenn hast du diese Reise eigentlich gemacht, Schellinger?" fragte Richard lächelnd.
"Ich habe euch schon einmal gesagt, dass es ungefähr zwanzig Jahre her sein mögen," entgegnete der Garderobegehülfe.
"So, vor zwanzig Jahren hast du sie gefragt, ob sie das Buch geschrieben hat? – Na, das hab' ich nur wissen wollen."
"Aus ihr Ehrenwort habe ich sie damals gefragt," versetzte ruhig der Schneider, indem er aufblickte, "und sie sagte: nein, Schellinger, ich hab' es nicht geschrieben, Gott straf' mich! Ich kenne aber den Verfasser: es ist von einem pietistischen Pfarrer in Rheinpreussen."
Die Zuhörer hatten lange an sich gehalten, jetzt aber brachen sie in ein so lautes Gelächter aus, dass der Inspicient, der mit seinem buch hinter den Coulissen hin und her ging, erschrocken herum fuhr und eifrigst Ruhe gebot.
Schellinger zuckte die Achseln und sprach nach einer Pause: "Ihr seid so verwildert, dass man euch gar nichts Vernünftiges mehr erzählen kann, und ich bin einmal so ein Narr und kann es nicht lassen, an jene Zeit, welche die glücklichste meines Lebens war, zurück zu denken. Ich versichere euch, wenn man hier unsere miserable Kälte annimmt, so ist es eine wahre Wonne, da mit den Negern so still und friedlich zu leben, unter den Palmenbäumen zu sitzen und reife Orangen zu verspeisen. So ein Negerdorf hat etwas sehr Angenehmes, und sie wohnen ganz charmant. Na! ihr habt das ja in der Beschreibung gelesen; auch essen sie vortreffliche Kuchen, trinken Dattelwein und singen dazu: 'Noch ist Polen nicht verloren.' Das kann ich euch versichern – Gott straf' mich! – an das lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht, wenn ich so Abends mit ihnen vor ihren Hütten auf der seinen Matte lag, neben so einem behaglichen Schwarzen; die Weiber sassen daneben und vor ihnen im Grase spielten die weissen Kinder."
"Die weissen Kinder, Schellinger?"
"Die weissen Kinder!" entgegnete nachdrücklich der Schneider. "Wisst ihr denn nicht, wesshalb die Schwarzen so schwarz sind? – Nun, das will ich euch sagen. Die Sonne hat eine so furchtbare Kraft, dass sie einen dort in fünf, sechs Jahren ganz schwarz brennt."
"Du bist aber weiss geblieben, Schellinger!"
"Ja, ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden," erwiderte der Garderobegehülfe; "man muss dazu gestimmt sein wie die Neger –"
"Aber, Schellinger –" wollte Richard fortfahren ihn zu examiniren.
"Lasst ihn doch," rief Schwindelmann, "dass wir fertig werden; draussen der Herzog hat schon seinen Degen gezogen und wird im nächsten Augenblick seinen Freund erstechen, dann fällt der Vorhang. – Also die Negerkinder kommen weiss aus die Welt?"
"Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden?" fragte Richard lachend.
"So ist es," entgegnete der Schneider, indem er sich ruhig erhob, denn auch seine Zeit war gekommen, in die Garderobe zu gehen. "Die Negerkinder kommen weiss aus die Welt, aber sie haben um den Bauchnabel einen kleinen schwarzen Ring, der immer grösser und grösser wird