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er die hände auf seine Kniee legte und den Kopf tief herab sinken liess. – "Aber was nutzen mich meine schönen Geschichten! Ihr seid wahrhaftig zu dumm, die Moral davon heraus zu finden."

Der erste Maschinist legte den Finger an die Nase, nickte mit dem kopf und sprach: "Ja – a, ja – a, es ist nicht ganz ohne, was der Schellinger meint; er will nämlich sagen, wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit ist, so einem armen Geschlafen sein Weib und seine Kinder zu verkaufen, so ist es doch lange nicht so schlimm, als wenn so was bei uns geschähe. Der Geschlaf weiss vorher, wenn er sich verheiratet, dass dort so Mode ist, sein Vater ist vielleicht verkauft worden, seine Mutter, seine Brüder, was weiss ich! Und da kann es ihm mit seiner Familie auch so gehen; er sieht das immer vor Augen, meint der Schellinger, und gewöhnt sich am Ende daran, und so wäre es denn lange nicht so schlimm, denkt der Schellinger, als wenn man unsereins Frau und Kinder verkaufen wollte."

Der Schneider nickte stumm mit dem kopf, als wollte er sagen, seine Rede sei vollkommen richtig ausgelegt worden.

"Ja," meinte Richard, indem er die arme über einander schlug, "so Eines weiss es nicht besser, wie die Köchin von dem Aal sagte, als sie ihm lebendig das Fell abzog. Und dagegen müsste man schon Schritte tun."

"Das muss man aber den Amerikanern überlassen," mischte sich Herr Wander in's Gespräch. "Gott! was geht uns die geschichte eigentlich an, und was können wir dazu tun? Ich begreife nur eigentlich nicht, wie die Geschichten der amerikanischen Miss, die das Buch geschrieben, bei uns so viel Spektakel haben machen können."

Der Schneider lächelte kopfschüttelnd vor sich hin, wurde aber nicht beachtet.

"Aber da finden sie ein Vergnügen daran, sich Grausamkeiten erzählen zu lassen, die weit weg von uns geschehen, darüber ein Maul zu machen und zu jammern. – – Und wesshalb haben die meisten dieser Entusiasten kein Herz, wenn man ihnen vom Unglück zu haus erzählt, und schmachten über den Ozean hinüber, wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon läuft? – Ich will es euch sagen: den Jammer haben sie wohlfeil, da hat man ihnen gut sagen: na! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika so ungeheuer schmerzt, so tut was dafür, – da zucken sie die Achseln und entgegnen: was können wir tun? Wir haben nur unsere Tränen. – Ja, Tränen sind wohlfeil!"

"Sie haben aber auch Adressen an die Amerikanerinnen gemacht, die Weiber in England," sagte Schwindelmann.

"Ganz richtig!" lachte Herr Wander; "aber die gescheidten Amerikanerinnen haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen gesagt: bekümmert euch um die Sklaverei bei euch, die ist viel härter und grausamer als die unsrige."

"Ja – a, ja – a, und haben Recht gehabt. Es gibt bei uns wahrhaftig mehr Sklavenhalter als in Amerika. – Apropos, es heisst ja, sie soll auch hieher kommen, die Amerikanerin; sie macht eine Rundreise durch Europa und lässt sich sehen."

"Da wollen wir ihr ein festlich beleuchtetes Haus veranstalten," meinte Richard. – "Aber etwas muss man dem Buch doch lassen, man sieht, dass es Jemand geschrieben hat, der das Leben in Amerika genau kennt."

Der Schneider schüttelte abermals und mit ziemlich verächtlichem Lächeln den Kopf.

"Nicht, Schellinger? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beschrieben?"

"Das hat gar keine Amerikanerin geschrieben," sprach der Schneider mit schmerzlichem Tone.

"Was Teufels! ist denn Madame – – Stowe keine Amerikanerin?"

"O ja," entgegnete Schellinger, indem er das spitze Kinn in sein rechtes, mageres Händchen stützte; "die Stowe ist eine Amerikanerin; ich kenne sie ganz genau, eine recht brave Frau, sie wohnte da links um die Ecke; wenn man nach Amerika fährt, kommt man dicht am haus vorbei, gleich nebenan ist das Wirtshaus zum weissen Ross, wo man einen sehr guten Clevner trinkt. Der Wirt ist ein Spanier und heisst Schwitzgäbele." – Das Alles erzählte er mit so melancholischem Tone und stierte dabei vor sich hin, dass man glauben konnte, ihn schmerze tief die Erinnerung an jene schöne Reise, und er sehe leibhaftig vor sich das weisse Ross und den Spanier Don Schwitzgäbele.

"Und da wohnte die Stowe?"

"Da wohnte sie gleich nebenan. Ich reiste damals mit einem Preussen, der den Spleen hatte und überall Berlin vor sich sah, denn als er den Mississippi erblickte, rief er aus: ganz wie bei uns zu haus; nur ist die Spree zur Regenszeit ein wenig grösser und meistens viel klarer. – Die Stowe nahm uns freundlich auf, wir speisten bei ihr zu Mittag, sehr gut und sein. Alles war von Bernstein, die Schüsseln, Gabeln und Löffeln, kurz Alles, Alles."

"Von Bernstein?" fragte Herr Wander erstaunt. "Hat man in Amerika so viel Bernstein?"

"Da wird er gefunden," entgegnete ruhig Herr Schellinger.

"Ah! der kommt ja aus der Ostsee, das weiss ich besser!" rief Schwindelmann.

"Das ist