der Schneider; "ich glaube so an die zwanzig Jahre, aber ich erinnere mich seiner noch recht gut. – Unter uns gesagt, der Onkel Tom" – damit schob er wichtig die Unterlippe vor, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte mit dem kopf – "der Onkel Tom, na! ihr versteht mich!"
"War er ein etwas verwegener Bursche?" fragte Richard, indem er sich, um besser zu hören, fester in die Coulissen hinein drückte.
"Der Hafer hat ihn gestochen," fuhr Herr Schellinger fort. "Er hatte es zu gut; es war so ein Bischen Wühlerei dabei, was Demokratisches, wesshalb er auch verkauft wurde. Und das Buch," sagte er geheimnissvoll, indem er den Zeigefinger erhob, "soll auch eigentlich keine Bibel gewesen sein, sondern eine Verfassungsurkunde, die er für die Schwarzen entworfen. – Ich habe es in der Hand gehabt."
"Aber das Verkaufen wirst du nicht rechtfertigen wollen? Denke dir, du hast Weib und Kind, mit denen du schon lange Jahre lebst, nun will man dir deine Frau verkaufen."
"Ja, das hätte er sich schon gefallen lassen," sagte Herr Wander. "Nicht wahr, Schellinger, darüber hättest du kein Buch geschrieben?"
Der Schneider gab über diese schlechten Spässe keine Antwort, er blickte nachdenkend an den Schnürboden hinauf und erwiderte dann: "Das Verkaufen ist allerdings sehr hart. Aber als ich da hinten war, da hat mich so ein amerikanischer Oberamtmann darüber aufgeklärt. Man muss das Ding nicht mit unserem Massstab messen. Was Teufel! Wenn ich hier bei uns heirate und Kinder bekomme, so hat kein Mensch ein Wort darein zu sprechen; Frau und Kinder sind mein, das weiss ich, denn ich lebe in einem land, wo man mir alles Andere, nur nicht die Familie verkaufen kann."
"Wenigstens nicht öffentlich," sagte Richard finster.
"Nun also," fuhr der Schneider fort, "ich versichere euch, als ich damals da hinten war – ich kam gerade von Mexico herüber, wo ich mich eine Zeit lang bei den Schwarzen aufhielt – da hatte ich auch nicht übel Lust, mich zu verheiraten."
"Wenn das deine Alte gewusst hätte!" meinte Schwindelmann. Wir waren so zu sagen schon einig, da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache vor. Er dachte eine Zeit lang nach, spuckte – mit Respekt zu vermelden – mehrere Male gerade aus an die Bäume, und das mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, dass ein Kolibri, den er treffen wollte, tot herunter fiel.
"Ah! – Schellinger!"
"Gott straf mich, es ist wahr! – Seht ihr die Honoratioren da hinten herum, die zu faul sind, ein Gewehr zu tragen, gehen auf solche Art auf die Vögeljagd, und wenn man so durch den Wald geht, da sieht man sie bald hier und bald da mit gespitztem Maule stehen, und auf einmal patsch! – patsch dich! – prrdauz! Da rappelt's droben und herunter fällt euch so ein Lämmergeier, der mit ausgespreitzten Flügeln seine sechsunddreissig Fuss misst."
"Lüg' du und der Teufel!" rief Schwindelmann. – "Schellinger, wie kann man so unverschämt sein!"
"Es ist leider wahr," entgegnete traurig der Schneider; "man gewöhnt sich in Amerika das Spucken auf diese heftige Art so leicht an. Als ich hieher zurück kam, könnt' ich's nimmer lassen, und eines Tages passirte mir ein grosses Unglück. Da stand mein ältester Sohn vor mir, ich – patsch dich! und fliegt ihm die linke Hand fort."
"Aber, Schellinger," sagte ziemlich ernst der erste Maschinist, "du hast ja nie einen Sohn gehabt!"
"Das ist leicht möglich – aber gewiss ohne meine Schuld," versetzte unerschütterlich der Schneider. "Ich habe es meiner Frau immer gesagt. Nun, dann war es der älteste Sohn von sonst Jemand. Aber wahr ist die geschichte, und wenn Einer die probe davon machen will, da steh' ich zu Befehl."
"Na, wir glauben es ja!" erwiderte Schwindelmann. "Aber jetzt bleib' bei deinem Oberamtmann. Er riet dir also vom Heiraten ab?"
"Das versteht sich," erzählte Schellinger weiter. – "Siehst du, sagte der Oberamtmann, – er sprach natürlicher Weise amerikanisch – wenn du hier heiratest, so hast du freilich den Schutz der gesetz, aber der ist verflucht gering, und wenn du Kinder kriegst und es gibt so 'ne rare Rasse, wie du selber bist, da geht dein Herr gleich her, ehe sie noch ausgeflogen sind –"
"Was, Schellinger, ehe sie noch ausgeflogen sind? – Was soll das heissen?"
"Habt ihr denn nie gehört, dass es da gewisse Stämme gibt, die sich ordentliche Vogelnester in die Bäume hinein bauen; es sind eigentlich Menschennester, und darin führen sie ihre Haushaltung, und wenn die Kleinen anfangen zu laufen, da müssen sie zuerst den Baum herunter und herauf trappeln, und das nennt man ausfliegen. Das ist nämlich der Stamm der sogenannten Vögelneger."
"Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweise wohl aufnehmen lassen?" fragte Herr Hammer.
"Es war nur ein vorübergehendes Gelüste," antwortete der Schneider, indem