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und waren doch unendlich von einander verschieden.

Wir kennen Beide bereits; von der Einen sprachen eben die beiden Tänzerinnen an dem grossen Spiegel; die andere war Mamsell Clara, welche zuletzt in den Wagen gestiegen.

Die Erstere war ein Bild der Frische und Ueppigkeit, dabei hatte sie eine gute Taille, starke arme, ein rundes, blühendes Gesicht, und die Röte ihrer Wangen drang so stark hervor, dass sie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen war; von Notauflegen war gar keine Rede, und schon nach den ersten Schritten des Tanzes glühte sie so, dass man ihr vorwarf, sie sei ungeschickt und übermässig geschminkt. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, der Gesichtsausdruck aber nicht sehr geistvoll; hände und Füsse liessen auch etwas zu wünschen übrig, woher es denn auch wohl kam, dass es ihr schwer wurde, eine graziöse Stellung anzunehmen, und sie, obgleich wie gesagt ein sehr schönes Mädchen, doch nie in die ersten Reihen gestellt wurde.

Clara war von einer mittleren Grösse und mit einer Zierlichkeit und Eleganz gewachsen, die Jedermann in Erstaunen setzte. Dabei hatte sie den kleinsten Fuss, die kleinste Hand, und ihre Taille, nicht unverhältnissmässig schmal, stand zu dem langen und vollen Oberkörper in so richtigem verhältnis, dass das schärfste Kennerauge in diesem Körper nur die vollkommenste Harmonie entdecken musste. Auch Hals und Kopf passten vortrefflich zu dem Ganzen; ihr Gesicht war lang, doch nicht schmal, die Farbe desselben etwas blass; dabei hatte sie grosse Augen und zwischen frischen Lippen glänzend weisse Zähne. Ihr fast schwarzes Haar war wegen seiner Fülle der Kummer des Friseurs, denn Monsieur Fritz war, wie er sagte, nicht im stand, irgend eine correcte Frisur damit herzustellen. Wenn wir dabei versichern, dass dieses Mädchen mit einer ausserordentlichen natürlichen Grazie begabt war, dass keine ihrer Bewegungen etwas Eckiges hatte, dass ihr Körper und ihre Füsse schmiegsam und biegsam wie bei keiner Anderen waren, dass sie den grössten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem ersten Jahr vor allen ihren Colleginnen während des Tanzes auffallend hervortrat, so wird man sich wundern, wesshalb sie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotänzerin ausgebildet wurde. Doch hatte das seine guten Gründe, und Clara, die, wie wir später sehen werden, fast schutzlos in der Welt stand, dagegen viel Schutz zu verleihen hatte, fand nicht die Zeit, täglich die langwierigen Exercitien zu machen, die notwendig sind, wenn man es in der Tanzkunst zu Etwas bringen will. Dabei fürchtete sie sich auch vor dem ersten Tänzer, der sich ihr anfänglich auffallend genähert hatte, dem sie aber mit ihrem richtigen Gefühl schaudernd auswich. Ueberhaupt konnte sie sich nie mit dem wilden Treiben vieler der anderen Tänzerinnen befreunden und nahm desshalb eine isolirte Stellung ein, die häufig Veranlassung war, dass sie Spott und Neckereien aller Art ertragen musste. Mamsell Marie war die einzige, welche mit grosser anhänglichkeit an Clara hing, sie wahrhaft verehrte und fast untertänig gegen sie war, wie gegen eine Gebieterin.

Die beiden Mädchen waren stillschweigend übereingekommen, Monsieur Fritz so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen, und da sie sich schon seit längerer Zeit so gegenseitig bedienten und, namentlich Clara, eine grosse Fertigkeit erlangt hatten, so wurde es ihnen nicht schwer, sich gegenseitig die kunstvollsten und schwierigsten Frisuren zu machen. Dadurch waren sie meistens vor allen Uebrigen fertig, so auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen Schränken noch grosse Bewegung herrschte, hatten sie ihre gewöhnlichen Kleider schon aufgeräumt und beschäftigten sich, völlig angezogen, mit etwas Anderem.

Diese Beschäftigung war aber sehr verschiedener Art: Clara hatte sich vor ihr Schränkchen gesetzt, das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an zu arbeiten, während Marie an dem Fenster lehnte und mit gefalteten Händen in die dunkle Nacht hinaussah. Uebereinstimmend aber waren die Gesichtszüge beider Mädchen; auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas geröteten Augen zeigten Spuren von häufigem Weinen. Clara hatte stark rot auftragen müssen, um die durchdringende Blässe ihres Gesichts zu bewältigen. Wesshalb die am Fenster geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen blick auf die Arbeit der Anderen werfen, sind wir auch hier über die Ursache des Schmerzes nicht mehr im Zweifel: Clara nähte an einem Kinderkleidchen und war eben im Begriff, dasselbe mit schwarzen Schleifen zu besetzen.

In diesem Augenblick kam Mamsell Terese von ihrem Spiegel und trat mit erhobenem kopf vor die Beiden hin. "So, ihr seid schon fertig?" sagte sie. "Und Clara ist schon wieder am arbeiten? – Was machst du denn da?"

"Mir ist heute Nacht meine kleine Schwester gestorben," antwortete das Mädchen. Und als sie ihren Kopf aufhob, um die Tänzerin anzuschauen, standen ihre grossen Augen voll Tränen.

"So, so," entgegnete Terese mitleidig, "deine arme kleine Schwester ist gestorben? Ei, ich habe nichts davon gewusst. Und da machst du ihr das letzte Kleidchen?"

Clara nickte stillschweigend mit dem kopf.

"Wie alt war denn das Kind?"

"Sie war zwei Jahreaber so liebso lieb –"

"Nun ihr ist wohl," versetzte die Andere; "aber es tut mir leid für dich, du hast das Kind gewiss sehr gern gehabt."

"Wie ihr eigenes," sagte Marie am Fenster, und unter dem Dunkel des Vorhanges glänzten ihre feuchten Augen hervor.

Einige andere Tänzerinnen in der Nähe,