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Die Tänzerin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und finstere Gedanken bewegten ihr Herz. Hatte sie in der Umgebung, wo sie sich befand, vielleicht eine bessere Zukunft zu gewärtigen, als die Unglückliche, die vor ihr sass? Hatte ihre Tante nicht schon Andeutungen genug fallen lassen über nutzlos verschwendete Jugend und Zeit, über ein Kapital, das man nicht ruhig könne liegen lassen und das seine Zinsen tragen müsse! – Grässlich! grässlich! – – Und das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was sie besass, sie aber stand in Gefahr, verkauft zu werden, wie die geringste Sklavin! –

"Wie dank' ich dir, Marie," sagte die Nähterin, die sich allmählich wieder erholt, "wie dank' ich dir für deine Güte, für deine hülfe! Glaube mir, ich will für dich beten und es wird dir keinen Unsegen bringen. – Für mich selbst wag' ich es kaum; du bist so gut, so unschuldig, so frisch und gesund und kannst einmal recht glücklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewiss lange tot ist. Und wenn du, liebe, gute Marie," fuhr sie leiser fort, indem sie ihre beiden arme um den Hals der Tänzerin schlang, "wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen kind, wenn es noch lebt und du es an irgend einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen."

Bei diesen Worten stürzte ein erleichternder Tränenstrom aus den Augen Katarinens, und die beiden Mädchen hielten sich eine Zeit lang umschlungen und weinten heftig; die Eine, indem sie mit trübem blick an die Vergangenheit dachte, die Andere, indem sie finster in die Zukunft schaute. –

Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenster riss sie aus ihren Träumereien empor.

"Ist es denn schon so spät," fragte die Tänzerin, "dass der Teaterwagen drunten hält, mich abzuholen? Verzeih', Katarine, da muss ich mich eilen; ich darf den Schwindelmann nicht warten lassen."

"Und ich will auch gehen," sprach seufzend die Andere, indem sie sich schwankend erhob. "Aber nicht wahr, Marie, ich sehe dich morgen oder sobald du etwas weisst?"

"Gewiss, Katarine, gewiss!" antwortete die Tänzerin, während sie ihren grossen Korb auf den Tisch stellte, noch einmal flüchtig die Gegenstände darin übersah und die Tanzschuhe, an denen sie vorhin gearbeitet, dazu legte. "Ich werde heute Abend noch mit Einigen darüber sprechen. O, die Mädchen bei uns wissen recht gut Bescheid und Manche kennen die ganze Stadt."

"Und du kommst dann zu mir Abends nach acht Uhr? – Mit welcher Ungeduld will ich dich erwarten!"

"Verlass dich auf mich; ich tu', was ich kann."

Damit band die Tänzerin ein Tuch um ihren Kopf, wickelte sich in einen alten verblichenen Shawl, noch ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, nahm den grossen Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katarinen sorgfältig nach der tür, die sie abschloss und den Schlüssel im Ofenloch verstekkte.

Es ging etwas langsam die Treppe hinunter und Schwindelmann, der unten an der tür stand, trippelte ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. drei bis vier Colleginnen streckten ihre Gesichter aus dem Wagenfenster hervor und blickten neugierig auf das bleiche Mädchen, das mit einem Händedruck und bittenden blick sich von Marie verabschiedete und nun langsam an den Häusern dahin schlich.

"Der Teufel auch!" sagte Schwindelmann, "Mamsell Marie, Sie lassen uns lange warten. Das sind wir bei Ihnen nicht gewöhnt."

"Es tut mir leid," entgegnete die Tänzerin, "und ist wahrhaftig nicht meine Schuld."

"Wer ist denn das?" fragte Schwindelmann, indem er auf Katarina zeigte, die schon an den nächsten Häusern erschöpft stehen blieb.

"Eine unglückliche person, der es sehr schlecht ergangen," erwiderte Mamsell Marie.

"Und wo wohnt sie?" fragte eine der Tänzerinnen aus dem Wagen.

"In der Schlossergasse."

"Dahin fahren wir gerade auch," sagte nachdenkend Schwindelmann. Und als ihn ein bittender blick des jungen Mädchens traf, rief er in den Wagen hinein: "Was meint ihr da drinnen, haben wir bis zur Schlossergasse noch Platz für eine arme kranke person, die sonst vielleicht im Schnee stecken bleibt? – Es hat nicht Jedermann einen Wagen, wie ihr Prinzessinnen, und was man seinem nächsten tut, das wird Einem im Himmel gut geschrieben."

"Gott! der Schwindelmann wird fromm!" lachte eine lustige stimme aus dem Wagen. "Mir ist es gleichviel."

"Mir auch!" riefen ein paar Andere.

Und darauf sprang Mamsell Marie in den Wagen, der Schlag blieb offen. Andreas fuhr fort und Schwindelmann trabte neben der Equipage her, bis zur armen Katarine, die zu ihrer grossen Verwunderung solchergestalt auf die angenehmste und bequemste Art nach ihrer wohnung in der Schlossergasse befördert wurde.

Schwindelmann aber wurde seit jenem Abend von den Tänzerinnen zum Hofteater-Samariter ernannt.

Achtzehntes Kapitel.

Hinter der achten Coulisse.

Wenn auch schon in Schrift und Zeichnung so tausenderlei mitgeteilt worden ist von dem Leben und Treiben hinter den Coulissen, so war das insofern recht oberflächlich, als es nur jenen teil derselben behandelte,