sie fürchteten sich. O, ich kann mir denken, wohin sie es gebracht haben. Zu so einem schrecklichen Weib, da wollte er damals schon, ich sollt' es hintun. Gott! mein Gott! Da brauchen sie es nicht auf einmal umzubringen, da geht es langsam zu grund, da stirbt es stündlich – täglich – an – Hunger – Kälte – – Elend! –"
Bei diesen letzten Worten sank das arme geschöpf abermals in die Kissen zurück, ihre Augen schlössen sich und fielen tief ein, und zwischen den bleichen Lippen zeigte sich ein einziger Blutstropfen.
"Sie stirbt!" rief die Tänzerin. "Sie stirbt!" schrie sie laut hinaus.
Und auf diesen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus und traten an den Sessel.
"Die arme Creatur!" sagte Madame Becker und stellte ihre Schnupftabaksdose auf den Tisch, um eine der kalten hände Katarinens zu ergreisen, die jetzt schlaff herunter hingen. Der Pulsschlag zitterte nur noch in den Adern und schien nächstens ganz erlöschen zu wollen.
Aber das menschliche Herz ist stark und leistet fast das Unmögliche im Ertragen von Jammer und Elend.
"Wenn sie sterben würde," sprach die Bauersfrau, "es war' das wahrhaftig kein Unglück für sie. Was soll die auch ein wenig länger auf der Welt? Wenn sie heute nicht erliegt, treibt sie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr."
Unterdessen hatte sich die Tänzerin über die Ohnmächtige hingebeugt und ihre frischen Lippen berührten fast den bleichen Mund der Anderen, während eine schwere Träne um die andere aus ihren Augen herabrann.
"Seid doch stille!" bat sie nach einer Pause. "Sprecht nicht so laut, man sagt, so Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören, was man neben ihnen spricht. Seht, sie ist gewiss nicht tot, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an sich zu bewegen."
"Ich habe genug von vorhin," sagte die Bauersfrau, "und habe nicht Lust, noch einmal dieselbe geschichte zu hören. Wenn sie wirklich wieder aufwacht, so gebt ihr den Todtenschein, er ist ächt und richtig." – Sie warf Madame Becker einen bedeutsamen blick zu. – "Auch kann sie die Bettchen und Kleider holen, wenn sie will."
"Ich werde es ihr sagen," entgegnete Madame Bekker mit einem scheinheiligen Ausdruck im Gesicht; "und was die Begräbnisskosten anbelangt, so kann Sie sich an mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern so einer armen Creatur ihren Kummer lindern."
"Sind nicht gross, die Kosten," versetzte kopfschüttelnd die Bauersfrau; "meine Schwester hat's heute Früh besorgt in ihrem dorf. Es war das ein kleines Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt schon der Schnee darauf; das wird ihr ein Trost sein, – denn wenn sie's nächstes Frühjahr aufsuchen kann," setzte sie mit bedeutsamem Achselzucken hinzu, "so ist ihr Jammer auch schwächer geworden. – Adieu, Jungfer Marie!"
Die Tänzerin nickte stumm mit dem kopf, ohne aufzublicken, denn sie war beschäftigt, das Gesicht der Ohnmächtigen abermals zu waschen.
Madame Becker steckte ihre Schnupftabaksdose in die tasche, nahm ein warmes Tuch vom Nagel, das sie umhing, und schickte sich an, mit der Bauersfrau das Zimmer zu verlassen. An der tür warf sie noch einen scheuen blick auf die Kranke. – "Es kommt mir doch etwas grauselich vor," sagte sie dann leise zu ihrer Begleiterin. "Wenn ich mir das Mädchen so von hier aus betrachte, so meine ich wahrhaftig, es sei tot und wir trügen davon die Schuld."
"Ach was!" entgegnete die Andere, "seid nur nicht so kleinmütig, so was kommt schon im Leben vor. tot ist sie auch nicht; seht, sie reisst ihre Augen auf und schaut nach uns her."
"Ja, ja, Frau, Ihr habt Recht, sie blickt nach uns her, aber mit einem schauerlichen blick."
Damit zog sie die Andere zur tür hinaus.
Es brauchte wohl eine Viertelstunde Zeit, ehe sich Katarine so weit erholt, dass sie die Tänzerin um die näheren Umstände befragen konnte.
Marie sagte, was sie gehört:
Das Kind war also nicht gestorben, aber man hatte ein anderes, das gestern Nacht seinen Leiden erlegen, unterschoben und so wirklich einen Todtenschein erhalten. Wohin sie das lebende Kind gebracht, hatte keines der Weiber gesagt, wohl aber, dass es auf den Antrieb seiner Familie geschehen, die damit das letzte Band zwischen ihm und seiner ehemaligen Geliebten zerreissen wollte.
"Sei nur ruhig," sagte die Tänzerin zu der Unglücklichen, deren hände heftig zitterten, "sei ruhig, wir wollen schon erfahren, wohin sie das Kind gebracht."
"Von deiner Tante glaubst du es zu erfahren?"
"Nein! nein! die sagt mir nichts; ich habe schon meine Wege."
"Aber bald, Marie, nicht wahr? Bald, bald suchst du es zu erfahren, denn glaube mir, wohin sie auch das Kind gebracht haben, es befindet sich an einem Orte, wo es nicht lange leben kann; ich kenne solche Anstalten. – Du siehst mich schaudernd an? – ja, Marie. Gott erhalte deine Unschuld; sie nennen das keinen Mord, wenn so ein Kind langsam dahin siecht. – Es ist dann gestorben." –