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es ist traurig aber wahr."

Katarina blickte mit trockenen und heissen Augen wie in einem tiefen Traume um sich her. Lange schaute sie die beiden Weiber vor sich an, bald die Eine, bald die Andere, und keine konnte diesen blick ertragen. Dann aber bog sie ihren Kopf leicht zurück und streifte so die glühende Wange der Tänzerin; und es war, als ob diese Berührung eines guten, mitfühlenden Wesens eine Beruhigung über ihre Seele gebracht hätte, denn ein paar Sekunden nachher senkte sie ihren Kopf auf ihre Brust und brach zwischen den Armen des jungen Mädchens zusammen, die sie sanft auf einen Stuhl niedergleiten liess und dann neben ihr kniete, um ihr Haupt zu unterstützen.

Jetzt erst wagte die Bauersfrau das unglückliche junge Weib anzusehen; doch tat sie es scheu und verlegen, machte auch gar keine Miene, der Niedergesunkenen beizuspringen, sondern sagte zu Madame Becker: "Es ist wahrhaftig ein Jammer; aber was kann man machen? Jetzt übersteht sie es auf einmal und sonst wäre es doch für ihr Leben eine immerwährende Last und Plage gewesen."

Die Angeredete hatte beide arme auf den Tisch gestützt und blickte in das bleiche Gesicht der Ohnmächtigen. "Ob es besser ist," sprach sie mit scharfem unangenehmem Tone, "was geht es uns eigentlich an? Geschehen sollt' es und geschehen ist es; und ich hoffe," setzte sie leise hinzu, "dass Sie Alles gut besorgt hat, Frau, denn es ist im grund eine kitzliche geschichte, für welche Sie den grössten teil empfangen und für welche Sie auch mit Ihrer Haut einstehen muss."

"Bst! bst!" entgegnete die Bauersfrau, indem sie ihre Augen einen Moment auf die Tänzerin heftete und sich dann der Frau näherte, zu der sie sagte: "kommt doch da weg, wenn Ihr schwätzen wollt, geht mit in's Nebenzimmer! Ich habe Euch noch allerlei mitzuteilen."

Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und liessen die Tänzerin bei der Unglücklichen allein.

Marie befand sich in grosser Gemütsbewegung; sie atmete schnell und heftig und sandte den beiden Weibern einen forschenden blick nach. Dann lehnte sie sanft das Haupt Katarinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer, wo sie vom: Bett ein Kissen, von der ärmlichen Toilette ein kleines Fläschchen mit kölnischem wasser nahm. Das Kissen schob sie unter den Kopf der noch immer bewusstlos Daliegenden, drückte diesen sanft hinein und goss dann einige Tropfen des wohlriechenden Wassers auf ihr Tuch, worauf sie Schläfe und Stirn des armen Mädchens leicht damit rieb.

Das Alles tat sie mit einer seltsamen Hast und warf dabei verstohlen die Blicke auf die tür des Nebenzimmers, welche Madame Becker nicht fest hinter sich zugezogen hatte. Nachdem sie darauf wieder ein paar Sekunden lang aufmerksam in das bleiche Gesicht der Kranken geblickt, erhob sie sich rasch, als sie sah, wie sich deren Lippen langsam öffneten und ein leichter Seufzer aus der Brust emporstieg. Darauf öffnete Katarine matt ihre Augen und sah die Tänzerin mit einem dankbaren Blicke an.

Maria lächelte ihr zu, zeigte mit der linken Hand auf 's Nebenzimmer und legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund, als wollte sie sagen: Stille! sprich kein Wort; mach' kein Geräusch!

Katarine schien das vollkommen zu verstehen und auch wohl zu begreifen, dass dort im Nebenzimmer etwas verhandelt würde, was für sie von grossem Interesse sei, denn sie schloss ihre Augen und öffnete sie wieder zur Beistimmung, fasste die Lehne des Stuhls mit ihren Händen und folgte dann mit den Augen der Tänzerin, welche sich geräuschlos und geschmeidig wie eine Schlange um den Tisch herum wandte, an die etwas geöffnete tür des Nebenzimmers gelangte, ohne dass man nur einen Fusstritt gehört hätte. Dort blieb sie einige Minuten lauschend stehen und kehrte dann ebenso vorsichtig und leise zu Katarine zurück, kniete vor sie nieder, legte abermals den Finger auf den Mund und drückte darauf ihre beiden hände fest auf die der armen person, wobei sie ihr bedeutungsvoll in die Augen sah.

"Sprich kein Wort!" flüsterte sie, "ja, wenn die Beiden heraus kommen, so schliesse deine Augen wieder. Kannst du es ertragen, wenn ich dir was sage, das nicht so schlimm ist, als was du eben gehört?"

Katarina nickte mit dem kopf.

"Lange nicht so schlimm, aber auch nicht angenehm. – Sei ruhigim grund doch angenehm. Aber du musst nicht aufschreien!"

Katarine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen.

"Bst!" fuhr die Tänzerin fort, indem sie einen ängstlichen blick nach der tür warf; "es ist wahr, was du vorhin sagtest: er wird sich verheiraten."

Katarine seufzte.

"Und das Kind –" fuhr Marie leise fort; –

"Nun, das Kind? – – Das Kind –?"

"Es ist nicht tot," hauchte das Mädchen kaum vernehmlich. – "Es lebt, aber sie haben es fortgebracht."

– "Mir gestohlen –!"

"Wohin sie es gebracht haben, weiss ich nicht, aber ich erfahre es; sei ganz ruhig. Wir haben auch unsere Freunde!"

"Sie haben es fortgebracht! O, ich kann mir denken, um es zu verderbendas arme kleine Kind! Glaubst du nicht auch, Marie?"

Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem kopf.

"Sie hätten es geschwind umgebracht, aber