möglich verlieren. – Ich wäre gerne schon gestern Abend gekommen – aber ich weiss, dass Sie nach acht Uhr nicht gestört sein wollen, und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch zu früh."
"Sie hätte ja die Agnes schicken können," warf Madame Becker leicht hin, "Ihre jüngere Schwester."
Ein eigentümliches Lächeln überflog die bleichen Züge der Anderen, während sie hastig erwiderte: "Nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewiss nicht, gar keine Zeit. – – Aber ich bin so unruhig, dass ich eigentlich gar nicht sprechen kann." Damit wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tänzerin und sah darauf die Frau an, als ob sie fragen wollte, ob sie vor dem jungen Mädchen sprechen dürfe.
Madame Becker nickte mit dem kopf und versetzte halblaut: "Nur ungenirt, es kann nichts schaden, wenn sie weiss, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann ich mir schon denken, was Sie von mir will, Katarine."
"Nicht wahr, das können Sie sich denken?" entgegnete hastig die Nähterin, und ihr Auge flammte heftiger. "O, das können Sie sich gewiss denken; aber ich habe keine Ruhe mehr. Sie wissen, die Woche über kann ich nicht fort, nun war ich aber schon zwei Sonntage draussen bei der Frau, und jedesmal war sie nicht zu haus, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das ist hart für mich!"
Madame Becker zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln. "Das ist zufällig," sagte sie; "Sie will doch nicht verlangen, Katarine, dass die Frau Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gänge zu machen."
"Aber es ist hart für mich," entgegnete die Andere, während sie die hände faltete. "Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein? Was hält mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr? – Nichts, nichts, als das kleine Kind; das ist meine Freude, mein Glück, das ist die Feier meines Sonntags, sein liebes Gesichtchen zu sehen, es tausend und tausendmal zu küssen, seine Haare, seine Stirne, seine Augen, seine Aermchen und hände. – Ach! und es kannte mich recht gut! – Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht; – und das blaue Wollenkleidchen war so hübsch! – – Und nun habe ich es seit vierzehn Tagen nicht gesehen!" –
Die arme person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen; dabei blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor sich anzusehen, schien sie weit, weit in die Ferne zu blicken, als sähe sie dort das Lächeln ihres Kindes, als drücke sie ihm die Küsse aus, wie sie eben beschrieben.
Madame Becker zuckte die Achseln, trank ihre Kaffeetasse leer, dann sagte sie: "Katarine, Sie ist immer noch so lebhaft und stürmisch wie früher, immer oben hinaus, nie eine ruhige überlegung."
"Nein, ich bin nicht mehr wie früher," entgegnete schmerzlich die Nähterin: "ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens draussen war und ruhig heim ging, ohne mein Kind gesehen zu haben, da man mir sagte, die Frau käme wahrscheinlich nicht vor später Nacht nach haus. – – Das hätte ich freilich früher nicht getan," fuhr sie lebhafter fort, während sie ihre Augen weit öffnete. – "Früher wäre ich auf der Treppe sitzen geblieben, die ganze Nacht und den andern Tag, und so viel Nächte und so viel Tage, bis sie mit meinem kind nach haus gekommen wäre. – Aber es tut sich nimmer mehr," fuhr sie zusammensinkend fort; "wenn auch der Wille da ist, die Kraft fehlt."
"Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen," versetzte Madame Becker nach einer längeren Pause, während welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal freundlich zu lächeln versuchte, doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und der unheimliche blick ihres Auges drang überwiegend vor. "Jetzt habe ich Sie also ruhig ausreden lassen; jetzt sag' Sie mir, was will Sie eigentlich; soll ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem kind sehen, oder was mutet Sie mir sonst zu?"
Die Tänzerin am Fenster, die beschäftigt war, ein paar fleischfarbene Schuhe mit neuem Bund zu versehen, hatte die hände mit dieser Arbeit in den Schooss sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nähterin. Ja, sie erhob sich langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung, scheinbar, um auf die Strasse hinaus zu sehen, in Wahrheit aber, um besser zu hören, was Jene sprächen.
Die Nähterin hatte ihre beiden weissen hände auf den Tisch gelegt und beugte sich so weit wie möglich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau hin, die sie fest anschaute und mit ihrem blick zu bannen schien.
"Sie wissen, Frau Becker," sagte sie alsdann mit leiser aber eindringlicher stimme, "was damals mit ihm ausgemacht wurde. – Sie haben das ja selbst besorgt. – Als er mich verlassen, habe ich jede hülfe von ihm zurückgestossen, jede Unterstützung für mich und mein Kind; – das wissen Sie ganz genau, – denn ich wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus seiner Hand kam. – O