man eine heisse Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte. Auch viele Wäscherinnen befanden sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie unbrauchbar waren, so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge, deren bunte Farben: grün, blau, rot, gelb, recht lebendig von dem weissen Schnee abstachen.
Wenn uns der geneigte Leser folgen will, so wenden wir uns nach einem dieser Häuser hier, einem alten finstern Gebäude mit hohem Giebeldach, dessen vordere Seite, die uns erst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt, zur Fruchtkammer benützt wird, während sich im hinteren Teile, der auf den Kanal geht, verschiedene Wohnungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben genannten Hauses über eine alte Wendeltreppe, deren Stufen ausgetreten sind, deren Steinwände wie polirt glänzen, und wo ein alter schmieriger Strick sich dem unsicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finsterniss darbietet.
In dem ersten Stocke angekommen, betreten wir ein weites mit Steinplatten belegtes Vestibul, auf das lange Gänge münden, die entweder um den Hof herum nach der Fruchtkammer führen, oder ein anderes ebenso grosses Nebengebäude mit dem, welches wir gerade betreten, verbinden. Beides ist übrigens der Fall, und die zwei Gebäude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in früheren zeiten einmal zu einer Kaserne benützt, und durch die eben erwähnten Gänge verbunden. Später hatte man aber für das Militär bessere und hellere Räume erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgeteilt und solche an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermietet. über einzelnen Türen bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer, bei anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich übertüncht. Auf dem Vestibul stand alter Hausrat; hier schliffen ein paar Knaben aus dem glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelst einigen Schnee's, den der Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte.
Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht, was sich durch die Nähe des Kanals erklären liess, sowie auch dadurch, dass die Haustüren selten oder nie verschlossen wurden und allem Wetter Einlass gewährten.
Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun, die wir unsichtbarer Weise betreten, bestand aus einem ziemlich grossen Gemache, dessen Wände weiss getüncht waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde. Ein grosser Ofen erwärmte diesen Raum recht behaglich; zwischen beiden Fenstern an der Wand befand sich ein grosser Tisch, vor demselben gepolsterte Stühle mit gestreiftem Kattunüberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wänden ein kleiner Spiegel und ein paar vergilbte Kupferstiche in nussbraunen Rahmen. Zwei Türen, je eine an jeder Seite dieses Zimmers, führten in andere Gelasse, die ausser einer Küche auf der andern Seite des Vestibuls noch zu diesem Appartement gehörten.
Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr, und wenn auch dasselbe von grobem Steingute war, so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm, die Milch sah recht gut aus, und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in grossen Stücken, während weisses Brod daneben lag. Eine Frau sass an dem Tische und schien sich eine grosse Tasse Kaffee gemischt zu haben, denn sie rührte langsam mit einem Löffel darin herum. Diese Frau mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein, war von mittlerer Figur, einfach gekleidet, und hatte ein ziemlich breites aber kluges Gesicht, aus dem sich Spuren von früherer Schönheit zeigten; ihr Mund hatte etwas Gutmütiges, namentlich wenn sie lachte, was sie häufig und wie es schien absichtlich tat, um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben, denn sobald sich ihre Gesichtszüge beruhigten, erschienen sie schlaff, ausdruckslos, und dann trat ein scharfer, unheimlicher und zurückstossender Glanz der Augen hervor.
Ihr gegenüber an dem Tische befand sich eine junge person, die ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Aeusseres auf höheres Alter deutete. Es war das ein schmächtiges Mädchen, ziemlich dürftig angezogen, mit eingefallenen blassen Wangen, aus denen jene leichte Röte spielte, die man im mund des Volkes "Kirchhofsrosen" nennt. Dabei hatten ihre Augen einen unheimlichen trockenen Glanz, und die weissen hände, die sie vor sich auf dem Tisch gefaltet hielt, zitterten öfters, wenn auch kaum merklich. An dem einen Fenster sass auf einem stuhl ein anderes Mädchen, welches in der Frische und dem Schimmer einer blühenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben Geschilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiselle Marie vom Balletcorps. Die Frau am Tische ist ihre Tante, Madame Becker, und die schwindsüchtige person ihr gegenüber eine Nähterin aus der Stadt, die vor einigen Augenblicken eingetreten war, und über deren ziemlich unverhoffte Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien. Sie hatte ihr ziemlich mürrisch einen Platz angeboten und rührte nun langsam ihren Kaffee herum, während sie sagte: "Nun sprech' Sie, Katarine, was führt Sie eigentlich daher? Wenn ich Ihr helfen kann, so wollen wir sehen, was sich machen lässt. Aber in der Angelegenheit ist nicht viel zu tun."
Die Nähterin war offenbar zu sehr aufgeregt, um augenblicklich mit vollkommener Ruhe antworten zu können. Sie versuchte es, einen tiefen Atemzug zu tun, wobei ihre Nasenflügel leicht erzitterten und die Röte auf den Wangen noch mehr hervortrat.
"Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen," sprach sie nach einer Pause. "Wenn man im Tagelohn arbeitet, so muss man so wenig Zeit als