1854_Hacklnder_152_59.txt

Rükken gelegt, in dem weiten Gemach auf und ab spazierte. Dabei nickte er zuweilen mit dem kopf und hob wohl auch hie und da die Nase schnüffelnd in die Höhe, als wolle er erforschen, ob sich nicht bald durch eine Türritze hindurch ein angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache.

Die Commerzienrätin sass in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht, denn sie hielt es nicht für anständig, dass ihr rücken die weichen Kissen berühre. In der linken Ecke sass ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn Alfons, und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war, so lehnte sie behaglich hinten über, während ihre Füsse einen Stützpunkt auf denen des Tisches gefunden hatten. Es war ein hübsches kleines Weib, blond wie ihre Brüder, und wie der ältere, der neben ihr sass, mit Augen, die viel Sanftmut, ja Duldung verrieten. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und schien ihrem Bruder zuzulauschen, der ihr eifrig etwas zuflüsterte, wahrscheinlich die Erzählung des Auftritts von heute Morgen; sie hörte ruhig und aufmerksam zu, und nur zuweilen, wenn sich seine stimme etwas laut erheben wollte, drückte sie ihre Hand auf seinen Arm, wobei sie von der Seite einen blick auf die Mutter warf, die indessen teilnahmlos, mit hoch erhobener Nase, für Niemand Auge und Ohr zu haben schien, und zuweilen mit ihren Fingern gleichgültig auf dem Tische trommelte. Wir sagen s c h i e n , denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine Bewegung all' derer, welche sich im Zimmer befanden.

Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildete übrigens Artur und Herr Alfons, die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen, auch wohl lachten. Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gestützt, den Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu, der, während er hie und da eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beschäftigt war, mit einem umgekehrten Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen.

"– Sehr gut! – sehr gut! – sehr brav!" sagte Alfons, indem er die vergängliche Arbeit aufmerksam betrachtete; "das wird ein schöner Kopf, und eine Aehnlichkeit. – Jetzt keinen Strich weiter, so steht's vor mir. Wahrhaftig, ich möchte schwören, dass dies Gesicht existirt."

"Wie kann man nur so etwas sagen!" antwortete lächelnd der Maler, "eine Phantasie, eine idee. Aber schau nur, wie sich die Gesichtszüge ändern, wie der Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt. Das Gesicht war vordem lachend und freundlich, jetzt wird es ernst, finster, drohend und jetzt ist es wie von schmerzlichen Tränen überzogen. – Das ist der Lauf der Welt."

"Ja, man erlebt das häufig," entgegnete der Schwager; "Freude, Glück verschwinden so schnell, und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von einer Schmerzenslinie angenommen, so greift er immer weiter um sich, und am Ende entstellt und verstört er Alles."

"Ganz recht," versetzte Artur, wie es schien, nicht ohne Beziehung, "aber man muss sich auch hüten, aus einem Gesicht, das uns lieb und freundlich angelächelt, jenen ersten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen."

"O, das kommt ganz von selbst. Du, Glücklicher, hast nur keine gelegenheit, das zu bemerken; du flatterst von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis so ein Schmerzenszug sichtbar wird, suchst du schon nach einer neuen und frischen Blüte."

"Nicht immer," sagte ernst der Maler.

"Apropos," fuhr der Andere leiser fort, indem er sich tiefer hinab beugte, "du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig. Aus welchem Zweck treibst du dich denn so viel in der Nähe der Balkengasse umher? Ich habe das neulich zufällig erfahren. Ist denn da wieder was Besonderes los?"

"Ich?" fragte scheinbar verwundert Artur. "Dass ich öfter da wäre, als an anderen interessanteren Orten wüsste ich gerade nicht."

"Ah! so gehört die Balkengasse zu den interessanten Orten?"

"Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da sind die alten pitoresken Häuser, der Kanal, das beständige Gewühl von Menschen; man kann da die besten Studien machen."

"O, ihr Maler seid in der Tat ein glückseliges Volk, euch ist gar nicht beizukommen und wenn man euch auf der Tat ertappt. Streift ihr in der Mitternacht herum, so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht, attrapirt man euch am allerfrühesten Morgen in irgend einem verdächtigen Viertel, so habt ihr die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet, und trifft man euch in person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten, so versteht sich das, ganz von selbst, denn ihr waret gezwungen, an ihr äusserst interessante Studien zu machen. Ja, ja, in der Tat, ihr habt ein beneidenswertes Gewerbe."

"Es ist eigentlich schade, dass du nicht auch ein Maler geworden bist," sagte Artur, indem er auf die Fensterscheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den Kopf eines Satyrs entwarf.

Der alte Herr, der auf seinem Spaziergange durch's Zimmer zufällig hinter den Beiden stehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehört und sprach nun lächelnd: "Nein, nein, Alfons, 's ist besser so; Gott soll uns bewahren! Wir haben an Einem Künstler genug; nicht wahr