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zu versichern, dass er vor der Hand kein Mittel wisse, diesen Zustand zu ändern. Er sah sein Leben dahin ziehen in einer Abhängigkeit, in einer Sklaverei, ärger als die, welche mit hochgeschwungener Peitsche zur angestrengtesten Arbeit treibt.

Madame ihrerseits hatte nicht so bald die tür sich schliessen gesehen, als sie das Buch, welches sie in der Hand hielt, heftig auf den Boden warf und mit den Füssen weit von sich stiess. Sie legte ihren Kopf in dem Fauteuil zurück, kaute heftig an den Nägeln und murmelte endlich, während sich ihre Brust heftig hob: "Nein, diese ewigen Quälereien sind nicht mehr zu ertragen! Ist es nicht bald so weit mit mir gekommen, dass ich auf Commando bald lachen, bald weinen soll? Auf welch empörende Art bin ich von ihm überwacht! Nicht bloss, was ich sage, was ich tue, nein! nein! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt, es brauche nichts mehr als seinen Befehl, um mich heiter und glücklich zu stimmen. – Ah! das ist ein unerträgliches Leben, ein Leben voll Elend und Knechtschaft! Was nützt mich der Reichtum, der mich umgibt, bin ich nicht in all' dieser Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin?"

Der geneigte Leser kann sich denken, dass nach dieser häuslichen Scene der junge Mann allein zum Diner in's elterliche Haus ging, Madame schützte Kopfweh vor und blieb zu haus.

Fünfzehntes Kapitel.

Lebende Bilder.

Das Haus des Commerzienrates Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste und Comfortabelste eingerichtet. Die Familie bewohnte den ersten Stock; unten waren Comptoir und Kassen.

Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt, ebenso seinen Schwiegersohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille. Er hatte Marianne, die einzige Tochter des Banquiers, geheiratet, und die Mutter, die sich eher entschliessen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem haus zu lassen, räumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer wohnung ein, was um so weniger auffiel, da Herr Alfons Teilhaber des Banquiergeschäfts war, und in geschäftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrates.

Dieser würdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber schwang die Commerzienrätin ein eisernes Scepter und regierte fast völlig unumschränkt. Wir sagen fast völlig unumschränkt, denn der einzige im ganzen haus, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch zuweilen ihr gegenüber Recht behielt, war ihr Schwiegersohn.

Der Commerzienrat, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben liess, hatte sich schon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den Händen winden lassen, indem er viele Concessionen machen musste, um die Hand der reichen Bürgerstochter zu erhalten. Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbürtig betrachtet, denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen, dass sein Grossvater zwei Brüder gehabt, von denen der eine als Ratsdiener starb, und der Andere lange Jahre der selbst eigenhändige Betreiber und schaumschlagende Besitzer einer Barbierstube gewesen. Wenn man dagegen die lange Linie stolzer Vorfahren der jetzigen Commerzienrätin betrachtete, so konnte man eine Missheirat nicht läugnen. Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt-, Kanzlei-, Justiz-, Regierungs-, Hof- und andere Räte, und eine Seitenlinie hatte sich sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen, während von dem Urahnherrn der Familie zweifelhaft war, ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann gewesen sei; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen, während dagegen boshafte Neider versicherten, diese Emblemen bezögen sich auf die ehrbare Metzgerei, deren Oberzunftmeister jener erwähnte Ahnherr gewesen.

Dem sei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Commerzienrätin war in seiner Sphäre tonangebend, und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde, der konnte sich überall präsentiren lassen. Familienunglück hatte man freilich auch gehabt, aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen bedeckt worden. Man sprach in übelwollenden Kreisen von dem zarten verhältnis einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den man am Ende in die Familie aufnehmen musste, weil es seltsame Umstände ziemlich gebieterisch verlangten. Nachdem aber die Commerzienrätin hiezu, freilich nach langen Bitten, einmal ihren Consens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge Paar gelegt, war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schüchtern zu bewegen wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen, denen etwas Aehnliches, sehr Menschliches passirt. – Es ist das so der Welt Lauf und kommt häufig vor.

Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienrätin eine grosse, hagere Frau mit einem strengen, magern gesicht, aus dem die lange spitze Nase wie ein Zeigefinger hervorsah. Wir gebrauchen dieses Bild, um dadurch die wirkung auszudrücken, die es auf Jeden ausübte, gegen den diese Nase gedreht wurde; es war eine unmittelbare Aufforderung, ein förmliches Hinweisen, eine erlaubnis, jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Diese Nase wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten unterstützt, von denen es nur eines Blinzelns bedurfte, um genau zu wissen, was die Commerzienrätin eigentlich wünschte. Hierüber blieb selten Jemand im Zweifel, und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterstützte, so wusste man gleich, woran man war; und wie schon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann fast Alles ohne Widerrede.

Das Diner war vorüber, der alte Herr, der wie immer sehr gut gespeist hatte, beschäftigte sich mit seiner Verdauung, indem er, die hände auf den